Vierzehn

13. The first Generation who grew up with Computers: Welcome back, Klotzkopf!

Die kitschige Wirklichkeit hatte mich und meinen Klotzkopf wieder, darüber kann ich verdammt froh sein. Trotzdem bin ich weiterhin allein. Ohne Ball oder Computer (den ich wegen der tollen Überschrift zu erwähnen gedachte). Lauthals brülle ich: 

Dance, du beschissenes Plastikgeschöpf. Wo treibst du dich herum?

Keine Antwort. Ich muss mich wohl damit abfinden.

Meine Umgebung hat sich verändert. Nicht wesentlich, kitschig ist sie noch immer. Statt den abertausenden Sitzmöglichkeiten, die aus einem leider in Vergessenheit geratenen Jahrzehnt zu stammen schienen und die sich wie ein Meer bis zum Horizont ausbreiteten, stehen überall bunte Ungeheuer:

Fliederfarbene, mit Karos und Herzchen verzierte, fiese, zähnefletschende, Ungeheuer. Eines grimmiger als das andere, regungslos stehend und auf dem Flokatiteppich verweilend. Schauerlich und herzzerreissend zugleich.

Moment Mal, hat sich das Ungeheuer mit den roten Punkten, welches beim näheren Hinschauen zu Spiralen verflechtene, etwas nach dem alten Griechen Sokrates aussehende, Ungeheuer der Philosophie, etwa bewegt?

Nein, das war wohl eine Sinnestäuschung. Mysteriös.

Dieses sehr bärtige, mit einer runzeligen Stirn versehende, irrational wirkende Ungeheuer, steht still. Allerdings bewegt sich sein voluminöser brauner Vollbart und zwar in wellenähnlichen Schwingungen, die mich total faszinieren, sodass ich es mit offenem Mund  anstarre, nicht loslassen kann, von diesem Anblick.

Anscheinend will es das. Mich zurücklassen. Zurücklehnen lassend. Immer wieder beginnt dieses Schauspiel mit einer wuchtigen, ja urigen Kraft, wenn die Schwingungen aus einer Starken Welle entsteht, die einer kleinen Erschütterung, eines Mini- Bebens gleichkommt. Der Anblick löst in mir Zufriedenheit und Ruhe aus. Diese gleichmäßigen, wohltuenden Bewegungen wirken meditativ auf mich. Mir wird warm um den Bauch, glücklich starre ich den Bart an, als wäre es das schönste auf Erden.

Sollte das Ungeheuer jetzt ruckartig los fliegen und mich mit einem Happen Verschlingen, ich würde mit dem Blick auf dem Bart haftend, zufrieden, sterben.

Nichts dergleichen passiert. Stattdessen höre ich aus der Ferne den Ball rufen:

Los Außenseiter, komm, ich will hier weg. Trübsal blasen ist auch keine Lösung. Ähm… Niemand ist so wie ich, einzigartig und so…

Langsam drehe ich mich um, erschrecke kurz, da mein Weggefährte Dancel Ballinghton, direkt hinter mir steht und ein beschissener blau- weiss gestreifter Plastikball ist, der in Wahrheit nicht wahr ist, oder wahr war. Aber da ist, das ist mir klar. Klarheit ist eine Frage der Sichtweise.

Ohne ein Wort zu Sagen reise ich mich mit dem Ball weiter, Richtung Süden.

Bereits nach wenigen Minuten lassen wir das befremdliche, jedoch anmutene Szenario hinter uns, laufen zwar weiterhin auf dem beigen Flokatiteppich, der nach oben hin umgeben von der irrational wirkenden Materie ist, jedoch liegen die Ungeheuer, die mal Sitzmöglichkeiten aus einem fast vergessenen Jahrzehnt gewesen sind, nun hinter uns.

Vor uns liegt der Süden. Sonne, Wärme, Armut, Rückständigkeit. Dies aber mit Veränderung des Klimas unter Vorbehalt. Außerdem liegen Bayern in Deutschland und Texas in den USA im Süden. Dort trifft hauptsächlich Rückständigkeit zu, wieder unter Vorbehalt, versteht sich. Will schließlich kein Bauernopfer werden.

Wir kommen an einer riesigen steinernen Brücke vorbei, gebaut von den alten Immigranten, wie der Ball mir versichert. Sie gelangt über einen längst vertrockneten Fluss. Jetzt wuchert der Flokatiteppich über das trockene Flussbett. Der Himmel ist für kurze Zeit verdeckt, ich schaue hinauf:

Schwarze Vögel mit weißen Bäuchen fliegen im Schwarm an uns hinüber. Die Flügel mickerig, im Vergleich zum Rest des Körpers. Die Schnäbel spitz und relativ lang. Erst jetzt erkenne ich sie, hören tue ich nichts. Ping-, äh ne, Ponguine werden sie hier gerufen. Würdige Wrackträger, ohne diese arschlosen Allüren, diese ’ohne meinen Doktortitel brauchst du mich gar nicht erst ansprechen- Scheiße‘

Ein Schwarm Ponguine fliegt über uns hinweg, irgendwas erscheint mir trotzdem komisch, keine Ahnung was. Nach kurzer Zeit sind sie außer Sichtweite. Radikale Ratten durchqueren im Gleichschritt marschierend unseren Weg. Wir müssen eine Weile warten, bis auch das letzte, etwas geistig zurückhängende Nagetier, Parolen schwingend und lauthals fluchend, über die Rasse der Ponguine und deren Unreinheit, mit einem irren Silberblick, an uns vorüber marschiert.

Diese Aufnahme kann ich mir trotz sehr viel Fantasie nicht erklären. Ich gebe jeglichen Drogen und den Rodentiziden die Schuld, sowie den andersartigen Anderen die uns fremd erscheinen, im Abendlicht.

„Das sind ja zustände hier”, kritisiere ich offen, still und leise:

Keine Gegendemonstration? Keine Polizei, die die Radikalen vor dem wütenden Mob beschützen muss?

Der Ball setzt seinen Weg fort und erwidert:

Der Mob wird bei uns zum Wischen benutzt und das gerade waren die Gesetzeshüter.

Ich folge ihm ohne weitere Fragen zu stellen. Der Flokatiteppich findet plötzlich und unerwartet ein jähes Ende. Auf ihn folgt ein riesiger roter Teppich. Sobald betreten beginnt, wie aus dem Nichts, ein übertriebenes Blitzlichtgewitter, sowie unangenehm- bohrende Reporterfragen:

…“Führen der Ball und Du eine homogene Nichteheliche Beziehung oder ein eheähnliches, gleichgeschlechtliches, Gruppensexartiges- Massenbumsen- Ficken, Kacken, Lutschen- Lutschen, basierend auf Analpenetration mit Plastikspielzeug, Bällen oder ähnlichen perversen Perversitäten? – Ihre konservative Sichtweise auf liberale Themen der Drogenpolitik schockiert selbst die konservativsten Konserven, haben Sie darauf eine nicht politische Antwort? – Was würde Ihr Chef dazu sagen, dass Sie hier nackt mit einem blau-weiß gestreiften Plastikball durch eine auf Drogerieartikel basierende Wirklichkeit laufen? – Wussten Sie, dass Staatsanwälte, ähnliche ominöse, böse, Möse, Sexualvorlieben haben, wie Sie? – Halten Sie es für möglich, dass Ponguine schwimmen können? – Auf einer Skala von 1 bis 2, wie kommen Sie zu diesem tollen Kostüm? – Wussten Sie, dass es morgen regnen könnte? – Hatten Sie je mit soviel Anteilnahme gerechnet die ihre bemitleidenswerte, selbst verschuldete, völlig dämliche Situation, in der Sie stecken, ohne es zu bedauern, rechtfertigt?“… 

Ich halte mir die Ohren zu, mit beiden Händen und den Füßen noch oben drauf und renne so schnell ,wie ich zuvor erst zweimal in meinem Leben gerannt bin, zufälliger Weise beide Male heute, oder gestern, jedenfalls vor nicht allzu langer Zeit, jedoch gefühlten Jahrzehnten zuvor.

Renne vorbei an vor sich hin summenden Brummsummseln, an radikalen Ratten, unzähligen Holzleichen, scheißenden Bürokraten, verhexten Hexen und fliegenden Ponguinen. Alles rast an mir vorüber, solch ein Tempo hätte ich mir selbst nie zugetraut. Im Augenwinkel sehe ich den Ball in der Luft, wie ein Geschoss, glühend, vibrierend, mit Schallgeschwindigkeit über den Boden rollen, schweben und düsen.

Er hat Probleme mir zu folgen, nutzt meinen Windschatten. Dieser nützt ihm nur wenig, da ich nun auf Rakete schalte: Zuuuuuuusch! Weg bin ich. In einem Zustand völliger Zustandslosigkeit. Abgedriftet in die Abgründe der abtrünnigen Absolutismen. Hier herrsche ich, das ist meine Welt, meine Freakshow. Ich bestimme die Regeln, die Darbietung, das Ambiente. Epochale Epilepsien erschüttern mich. Innerhalb eines kurzen Moments sehe ich das Schicksal einer ganzen Generation. Nein Generationenübergreifend, unfassbar, abgedreht, voll daneben. Die absolute Exaggeration (Nachschlagen bitte! Aua! Danke!).

Alles schimmelt vor sich hin, vieles war schon da, in einem anderen Gewand. Unter einem anderen Namen, mit etwas Schminke hier und etwas Schminke da, ähnlichen Ansätzen, jedoch grundverschieden mit dem, dessen Abkupferung gänzlich versagt hat. Jener Verlierer, der wir doch bloß nicht sein möchten.

Bloß nicht, nein wir Lachen über diesen Verlierer, krümmen uns vor falscher Gewissheit, dieser dreckige Verlierer niemals zu sein, Gewissenhaft wie wir sind. Träumen vom eigenen Tod. Fliegen weiter, Tag für Tag. In einem Mordstempo. Das Leben rauscht an uns vorbei. Wir werden älter, kriegen falten, lachen weiter über die Verlierer, merken erst sehr spät, wenn nicht zu spät, das es zum Gewinnen auch ein Spiel geben muss. Dieses verstehen jedoch viele nicht. Wollen es nicht verstehen, sterben, verlieren. Hatten ihre Chance. Chance vertan, Bestrafung.

Ich komme zum Stillstand. So abrupt, dass der Ball, trotz gehörigem Abstand zu mir, mit voller Wucht gegen meinen Klotzkopf knallt. Schwarz, alles ist schwarz. Selbst die weiße Taube, die gute, alte, weiße Taube.

Ich öffne die Augen, habe Kopfschmerzen. Einen dumpfen, pochenden Schmerz, wie nach einer durchzechten Nacht.

Tut mir leid, wollte Bremsen.

Worte kommen zu mir geflogen. Von weit, weit her: ”Schließe einfach deine Augen und du treibst, du bist so hypnotisiert, habe keine Hoffnung.” Klingt nach ’ner Textzeile eines Songs.

Klaaaaatsssssccccchhhhh! Ich bin hellwach.

Dance hat mir wohl eine Backpfeife gegeben, keine Ahnung wie.

So jetzt Sabbel nicht rum, führ keine Selbstgespräche, hör mir einfach zu: Es ist wichtig das du jetzt genau meine Anweisungen befolgst, ansonsten werden wir diesen Trip nicht überstehen. Hast du das verstanden, Außenseiter?

Die Wange Schmerzt.

Ja, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen. Hab nur eine Mitgekriegt, danke übrigens, würde nächstes mal gerne darauf verzichten, ich schulde dir was!

Der Ball tut geheimnisvoll, lässt sich nicht beirren, voll quatschen, oder sarkasmusifizieren.

Wir haben den roten Teppich hinter uns gelassen, nun zählt einzig die Liebe. Um voran zu kommen, nicht im Sumpf der Lieblosen zu Sterben, sondern den Weg ‘mi Amor’ zu folgen, um am Ende nicht auf der Strecke zu bleiben, musst du Lieben. Keine heiße Affäre, wilde Liebesnacht, vergangene Jugendliebe oder Selbstverliebtheit. Nein, wahre, echte Liebe! Bei jedem Schritt auf dem Weg musst du unbedingt Lieben! Danach zeig  Stärke damit du nicht an Liebeskummer verendest. Also denk nach!

Wiederkehrende Stille, völlige Leere. Wieso fällt dir nichts ein?, frage ich mich, während mein Gehirn zu Höchstleistungen getrieben wird, beim Versuch in den wenigen Erinnerungen zu kramen, die mir anscheinend geblieben sind. Liebe… da war doch was, nur was? Es gibt da diese hübsche Frau mit den braunen, vertrauten Augen. Nur wie hieß sie noch? Und da war noch was, etwas Fundamentales. Diese Frau, meine Frau, für ein Leben lang. Ein Kind, wir haben ein Kind zusammen…

Ich sehe es plötzlich ganz klar: Ein kleiner etwa dreijähriger Junge mit wunderschönen, tief- blauen Augen sitzt in seinem Hochbett und schaut mich ängstlich an… er spricht zu mir:

Du musst mich die ganze Zeit anschauen, wenn ich die Augen zu hab, sonst hab ich Angst.

Ich erwidere prompt:

Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin doch bei dir. Warum hast du denn Angst?

Er verändert die Tonlage und jeder, verdammt noch mal jeder, würde ihm in diesem Augenblick Glauben schenken:

Hab ich halt!

Dabei gibt er sich zurückhaltend, verlegen, schaut nach unten, als wenn es ihm peinlich sein müsste, diesem verdammt ehrlichen dreijährigen Kind. Dann richtet sich sein Blick erwartungsvoll zu mir. Nun beuge ich mich über den tollsten Jungen der Welt, küsse ihm auf die rechte Wange und flüstere ihm in sein rechtes Ohr:

Hab keine Angst, ich bleib hier und schau dich dabei die ganze Zeit an, ich Liebe dich.

Der Junge mit der unglaublichen Aura schließt die Augen und ist innerhalb weniger Minuten eingeschlafen. Ich halte diese Erinnerung in meinem Herzen. Mit jedem Schritt rufe ich sie mir erneut vor Augen, während mir Tränen die Augenlider herunterrinnen. Schritt für Schritt. Ich kann vor lauter Tränen nichts mehr erkennen, muss schluchzen. Kann nicht mehr, bin fix und fertig. In mir spielt sich etwas ab. Etwas schönes verbunden mit einem anderen Gefühl, welches ich am ehesten mit Angst beschreiben würde. Das Schöne ist etwas besonderes, ein Hochgefühl.

Hoch, höher, am Höchsten. Kein durch ↑Upper beeinflusstes kurzzeitiges Glücksgefühl. Nein, ein beruhigendes Gefühl, dass dennoch auch zeitweise euphorisch- berauschend und pushend ist, jedoch gemütlich und vertraut daherkommt. Dieses Angstgefühl ist klar mit Verlust in Verbindung zu bringen.

“Wir haben es geschafft“, erklärt der Ball feierlich. Mir ist nicht nach feiern zu Mute, zu Weinen habe ich in diesem Augenblick aufgehört. Die Tränen trocknen langsam, könnten aber vom Empfinden her weiter fließen, bis ich vollständig ausgetrocknet bin -ausgezehrt, verschrumpelt, vertrocknet- ersoffen an meinem eigenen Tränenfluss, wie makaber.

Ich will nach Hause!       

 

#14 Mutter

Blödes Blogbuch,

unglaubliches spielt sich bei mir ab. Das ist echt nicht lustig.

Der Urlaub macht seine letzten Atemzüge, um in ein paar Tagen einen unmenschlichen Tod zu sterben.

Amseln nisten in meinen Gehirnsträngen. Ständig fliegen sie ein und aus, mit dicken Würmern für die Jungen.

Hitze knallt mir ins Gesicht, der Sommer sonnt dieses Jahr besonders stark. Stärker wird es wohl nächstes Jahr, der Klimawandel wandelt unaufhaltsam umher. Das Meer hatte mich verschlungen und wieder ausgespuckt. Besonders salzig schmeckte es und brannte unerträglich in den Augen.

Just zu dieser Zeit hat meine Mutter mich darüber in Kenntnis gesetzt, uns verlassen zu wollen. Zum Herbst hin, ihrem Lebensabschnitt, wie sie sagt.

Blöde Kuh! Lässt mich mit Miss Gabbat und den lieben Kinderlein (ihren Enkelein) ganz allein. NEIN, wir waren im Grunde schon immer „allein“, ohne meine Mutter und ihrem Fettilein (dem fetten Schwein)! Dies ist ein persönlicher Abschiedsbrief, auch wenn ich ihn teilweise allgemein halte:

An alle, die sich selbst so ungeheuer wichtig sind: Einfach mal die Fresse falten! Einfach mal die Umgebung beobachten, anderen Platz einräumen und das eigene Geltungsbedürfnis mit starkem Kaffee hinunterspülen.

Ich persönlich verachte solch‘ Allüren.

Diese Menschen, die selbst ihren Kindern und Kindeskindern immer zuerst von sich selbst erzählen müssen und damit garnicht mehr aufhören können. Die schwärmend, schweifend, schwadronierend Scheiße mit Worten zu Goldklumpen formen. Andere Menschen dabei gerne auch mal vereinnahmen.

Die leidenschaftlich ihre neuen Leidenschaften preisen, an denen alle teilhaben sollen, allein durchs Zuhören. In der Nachbetrachtung haben diese Leidenschaften, von denen leidenschaftlich erzählt wird (immer und immer wieder) keinen Bestand. Keinen über den man im Nachhinein leidenschaftlich berichten müsste. Etwas Anderes rückt dann in den Vordergrund, das Gesagte hat überhaupt keinen Wert mehr, ist nicht mehr aktuell und auch keine leidenschaftliche Leidenschaft mehr. Auf die zuvor immer und immer wieder getätigten Aussagen, kann man sich also nicht verlassen. Andere Leidenschaften werden nun leidenschaftlich verfolgt (immer und immer wieder) …während über die Vergangenheit geschwiegen wird.

Trotz der „Gehirnwäschen“ die man immer und immer wieder durchläuft, steht man am Ende völlig perplex im Regen und fragt sich, wo einem der Kopf steht.

Kein Wunder also, dass man diese Personen so gut es geht meidet. Allein des Kopfes wegen. Schwieriger wird es, wenn das Verwandtschaftsverhältnis dem im Wege steht.

Meine Mutter ist leider so garnicht imaginär.

Passiert mal etwas besonders Bescheuertes, selbst Verschuldetes (was häufig vorkommt bei meiner Mutter), wird es einfach schön geredet, als hätte es so kommen müssen, um am Ende glücklich sein zu können.

Lächerlich… du bist so lächerlich! JUST FUCKIN‘ LÄCHERLICH!

Hinzu kommt, dass Personen, die sich so richtig ernst nehmen (wie meine Mutter), dazu neigen, so richtig beleidigt zu sein, schenkt man ihnen nicht die geforderte Beachtung. Wie kleine Kinder führen sie sich dann auf, legen alles auf die Goldwaage und reden am Ende nur über ihre verletzten Gefühle (wenn sie denn können).

Dabei ziehen sie dann eine Schmollfresse, in die man am liebsten treten würde, um sich selbst Luft zu verschaffen, denn diese Personen nehmen einem nämlich die Luft.

Bei den klärenden Gesprächen und all den anderen stundenlangen Monologen, ist es echt hart, ernsthaft zu bleiben, jedoch notwendig, um die Person nicht weiter zu kränken.

Nach einem Treffen bleibe ich meist unaufgeräumt zurück, mit einer wütend- gestressten Miss Gabbat und zappeligen Kinderlein. Dazu einem blubbernden Kuchenbauch, dröhnendem Kopf und dem starken Gefühl gerade genötigt worden zu sein.

Miss Gabbat hat da ihre ganz eigene Meinung, die das Format des Blöden Blogbuchs, wo es vorallem um Anstand und den respektvollen Umgang miteinenader geht, gänzlich sprengen würde. Darum hält sie sich hier auch zurück:

Deine Mutter, du Spast! Deine dumme, beschissene Mutter! Wie ich sie hasse, du Spast… wie ich sie hasse! Diesen verkackten Fake- Pudel.

Ich bin ein schlechter Sohn und habe menschenverachtende Vorstellungen von einer guten Großmutter, so wie sie sein sollte:

Du sollst die Kinder verwöhnen und nicht erziehen. Du sollst auf die Kinder eingehen und sie uns auch mal abnehmen. Sie sollen das Wichtigste für dich sein, du sollst sie lieben! Du sollst glücklich und zufrieden mit deiner Rolle sein, so wie auch ich es an deiner Stelle wäre. Den letzten Satz sollst du mit einem Marker herausheben und alles mit einem dicken Stift einrahmen.

Leider sehe ich immer nur andere glückliche Großeltern, die mit ihren Enkeln eine schöne Zeit verbringen. Diese Großeltern sind älter als meine Mutter und die Kinder sogar jünger als meine Kinder. Das macht schon extrem neidisch. Könnte, könnte Fahrradpumpe.

Mein Irrglauben war, dass ich dachte, es würde reichen, ihr ein paar besonders tolle Enkel zu „schenken“ und sie hätte alles, was sie bräuchte im Alter. Dem ist wohl nicht so, was auch ihre Auffassung widerspiegelt, die sie über sich und ihre Rolle in dieser Welt hat, denn:

In dieser dynamischen Welt bewegt sie sich so prächtig mit: Auf und ab, hin und her, kreuz und quer.

Ich habe inzwischen verstanden, dass eine Mutter, wie du es bist und immer warst, keine „normale“ Oma sein kann. Das tut mir leid, für meine Kinderlein, das macht mich traurig und wütend zugleich.

Zieh ruhig in eine andere Stadt, die du kaum kennst, mit Fettilein (der fetten Sau). Ist ja nicht so, als hättet ihr hier was aufgebaut.

Werde glücklich, denn hier in dieser trostlosen Gegend, bei deinen Enkeln, scheinst du das nicht zu können. Genieß deine Rentenzeit, ohne uns.

In zwei Punkten ist auf dich immer Verlass gewesen:

  • man weiß bei dir nie, was kommt
  • du warst dir selbst schon immer am wichtigsten

Mach woanders deinen Frieden, du blöde KUH! … ♣ R.I.P.

 

 

 

 

 

 

 

Dreizehn

12. Eine beschwerliche Reise durch meinen Kopf oder die Realität hatte mich für ein müdes Augenzwinkern wieder

Die Augen bleiben zu, trotzdem sehe ich klar. Fühle. Fühle mich leer, ausgebrannt. Meine Glieder schmerzen und ich muss aufstoßen. Der Kehlkopf brennt, ein brennender Klos, der festzusitzen scheint. Das Sprechen ist dadurch gelähmt. Saurer Magensaft steigt und fällt, wie der Meeresspiegel mit den Gezeiten, in meinem geschundenen Hals.

Die Schleimhäute sind permanent gereizt, wie das Holz eines Segelschiffs vom Salzwasser. Der Bauch grummelt, übelriechende Luft entweicht unter knatternden Geräuschen aus dem Ende des Darms, fast in regelmäßigen Abständen. Die Augen wirken müde, sehnen sich nach Schlaf. Auch die dunklen Ringe darunter zeugen von Mangelerscheinungen. Eine Welle der Ohnmacht erbricht auf mich, ausgelöst durchs Denken.

Durchs Denken an die Zukunft, unerledigte und nicht verarbeitete Dinge, welche schnell erledigt und verarbeitet werden müssen.

Ein Druck entsteht, der Brustkorb ist gefangen, in Einzelhaft, isoliert. Unerklärliche Angst und Trauer im Hinterkopf, lastet zusätzlich auf all dem.

Der Körper steht unter Spannung, ich bin reizbar, das merke ich deutlich. Keine Zeit, für nichts.

Ein wandelnder Schöngeist ohne Kunst und Literatur. Überforderung fordert ihren Tribut. Dieser scheint in diesem Augenblick ziemlich hoch zu sein. Fast unbezahlbar.

Das trübe Wetter mit wolkenbehangenem Himmel passt zur Gemütslage. Melancholie umhüllt den Geist, die Seele leidet.

Die blutunterlaufenen Augen noch immer geschlossen, sehne ich mich danach, sie ein weiteres Mal schließen zu können. Diese schnelllebige, hektische Welt (um mich herum), für einen kurzen Moment zu vergessen. Das wäre in der Tat, in diesem trostlosen und beschissenen Augenblick, mein sehnlichster Wunsch.

Meine Kopfdecke beginnt zu kribbeln. Das Gefühl, welches mich nun quält, ist zu vergleichen mit einem durch über eine gewisse Zeitspanne entstandenen Taubheitsgefühl des Hinterteils, nachdem man über Stunden hinweg auf einer schlecht gepolsterten Bank gesessen hat, nur um Disziplin und Anstand zu demonstrieren.

Diese Aufnahme zeigt eine einsame Bank. Trotz vieler Vermittlungsversuche ist sie bis heute verlassen.

Die Vorstellung mit einem Skalpell die Kopfdecke mit ruhigen, routinierten Bewegungen zu lösen und darunter zwei sich windende Gehirnhälften vorzufinden, manifestiert sich in meinem aus zwei sich windenden Gehirnhälften bestehenden und vollkommen überanstrengtem Hirn.

Ich fühle mich traurig, aber warum? Es ist still um mich herum, keine Musik, die die Stille und Beklemmung zu brechen vermag.

 

12.1 Sonnenlos (ein realer Einwand vom 23. Januar 2010)

Ausgezehrt, von zehren nicht von zerren. Zehren wird lang gesprochen und genau darum geht es. Ein lang andauernder Prozess. Der Körper, ganzheitlich mit Seele und Geist, sehnt sich nach der Sonne, all die Wintermonate, die dunklen, tristen Monate, welche Beklemmung auslösen, umso länger sie ausfallen und umso kälter. Eiseskälte®. Die Sonne, mit ihrer Wärme hingegen umhüllt, sobald sie mal für einige Minuten zum Vorschein kommt, das Wesen mit Leben, mit Hoffnung auf bessere Zeiten, Zuversicht.

Das Sonnenlicht bricht durchs Fensterglas und gelangt direkt in mein Gesicht. Viel schneller als der Prozess des Ausgezehrtseins und zwar nur einige Minuten lang, dock ich mich an das Leben an, dabei schließe ich die Augen und genieß den Augenblick. Atme tief ein bis in den Bauch hinein und wieder aus. Der Kopf neigt sich anhand des Sonnenstandes. So verharre ich bis mich die Sonne verlässt und ich allein zurück bleibe… Voller Sehnsucht, aber nicht mehr ganz so ausgezehrt, mit einem Lächeln im Gesicht und Hoffnung, die sich nicht verliert.

 

12.2 Halogene Substanzen, her damit!

Ich erwache aus den verwirrenden Wirren meiner Gedanken, die ich mit mir selbst teile. Alles kommt mir suspekt vor, realitätsfern, weit, weit weg. Nichts vertrautes, nur Leid und Trauer. Was war dies alles? Jedenfalls nichts für mich, das steht fest.

Das ist deine momentane Realität, auch wenn sie weitaus schöner und bequemer sein könnte. Es liegt letztlich an dir, an uns. Nimmst du dein Schicksal, unser Schicksal an, oder flüchtest du wieder in deine selbst erschaffene Realität?

Mein Ich legt mir drei runde Pillen, mit jeweils einem eingestanzten blau- weiß gestreiften Plastikball, in die rechte Hand.

Ohne mich zu rechtfertigen, mir eine Moralpredigt anhören zu müssen und ohne groß darüber nachzudenken, schmeiße ich alle drei gleichzeitig in meinen Mund und schlucke sie hastig herunter. Dunkelheit… Ich fühle mich benommen, völlig unbeherrscht.

Eine einzige Tastenfolge, eine Kombination: Repeat, Vorlauf, Rücklauf, Einlauf.