Elf

10. Der hellwache Löwe

Schritte nähern sich, schnelle, hastige Schritte. Vibration, dumpfe Vibration auf dem Flokatiteppich. Die Fransen bewegen sich, wippen gleichmäßig auf und ab. Vorsicht ist geboten, Ausschau muss gehalten werden:

Oben, unten, rechts, links, vor mir, hinter mir. Zuerst erschrecken! Und dann, nach einer kurzen Phase der ungewollten Gliederstarre, blitzschnell hinter einem olivgrünen Sofa mit roten, blauen und gelben Blümchen bestickt, in Deckung gehen.

Adrenalin bildet sich merkbar in meinem Körper, das Herz rast: Pok ,Pok, Pok, Pok. Ich traue mich nicht, heimlich hinter dem Sofa kauernd,  nach der in kürze eintreffenden Gefahr zu spähen. Trau mich dann schließlich doch und sehe einen stattlichen Löwen, der aufrecht gehend gradewegs auf mein Versteck zukommt.

“Mach das weg”, kommt es aus mir heraus geschossen. Der Ball verhält sich wie ein Ball und zeigt keine Reaktion. Direkt vor dem olivgrünfarbenen Sofa bleibt der Löwe stehen. Beschämt und verängstigt richte ich mich auf, stehe nun vor ihm.

Der Löwe trägt eine riesige ovale Sonnenbrille mit auffallend goldener Fassung auf seiner Schnauze. Die Augen sind nicht zu erkennen.

Außerdem trägt er schwarze Sneakers, eine braune Cargohose mit ausreichend Taschen zum verstauen von MDMA und anderen Amphetaminen, sowie altersschwachen Kondomen, die er nie zu benutzen gedenkt, da er viel zu cool für Geschlechts- oder Autoimmunerkrankungen ist (ja, das ist er!) und Kinder immer nur die anderen kriegen und das mit Sicherheit nicht vom Sex, sondern aus Blödheit!

Außerdem ist er kastriert, doch dazu im Verlauf der Geschichte mehr. Er trägt ein mit deutlicher Absicht eine Nummer zu klein gekauftes, weinrotes Hemd mit mehreren weißen, im Zickzack verlaufenen Querstreifen. Das Hemd trägt er offen, die Ärmel umgekrempelt. Dazu  ein Lederhalsband mit einer Sonne aus roh geschliffenem Edelstahl, welche bei jedem Schritt gleichmäßig wackelt. All dies sieht so souverän aus, als wäre es das normalste der Welt, einen etwas abgedrehten, jedoch stilsicheren Löwen vor sich stehen zu haben. Ja, er steht vor mir und seine Mähne wippt dabei lässig im Wind.

Mein Heldenkostüm sieht dagegen lächerlich aus, lässt mich nackt aussehen. Der äußerst cool aussehende Löwe, seiner Zeit ein wenig hinten vorneweg,  beginnt mit mir zu sprechen. Beim Öffnen seines Mauls kommt eine feste Zahnspange zum Vorschein, welche die weißen, spitzen Zähne zusammenhält. Ein matt- silberner Stecker seines zügellosen Zungenpiercings steckt mitten in der riesigen, mit weißlichen Belägen überzogenen, Zunge. Ende im Gelände.

Einen Augenblick lang muss ich Inne halten, verwerfe aber gleich wieder meine Gedanken. Der Löwe spricht, seinen vorausgegangenen Bewegungen angepasst, schnell und hastig.

Die Tonlage der Stimme ist irgendwo zwischen dem Quietschen beim Bremsen von älteren Zügen und dem Geräusch vom Abschleifen eines Zahnes. Dazu dieses vibrierende Dröhnen. Einfach schmerzhaft. Oben drauf kommt ein schon beim ersten Ton nervtötender französischer Akzent:

Müdigkeit, die Lider hängen herunter, man kriegt die Augen nicht richtig auf. Die Extremitäten besudelt mit Exkrementen. Geht man von Extremen aus, denkt darüber nach,  ist es auch noch so abwegig, beginnt ein neuer Tag. Es sei denn Realität und Träumerei vermischen sich, können nicht auseinander gehalten werden, werden eins. Ein und das selbe, verstehen sie? Tagträumer, Daydreamer – surreales Verhalten. Gegenstände werden verwechselt. Haben sie sich schon einmal mit einem Trockenrasierer die Zähne geputzt? Eine sehr meditative Erfahrung sag ich ihnen, müssen sie ausprobieren. Gestörte Denkprozesse, die Welt erleben aus der Sicht eines Schlaganfallpatienten ohne dazugehöriges Krankheitsbild, völlig beschwerdefrei. Neurotransmitter, Synapsen, Gehirnstränge, psychodelische Musik. Trance. Eine Schallplatte im Ofen. Verstehen sie worauf ich hinaus will…?

Miss Gabbat ich liebe dich“, sage ich total perplex. “Pizza!” Führt die Nervensäge fort…

Ich sag es mal so oder so, oder umgekehrt. Wie sie es gern hätten. Freie Wahlen. Kennen sie das? Ganz tolle Erfahrung, zwanglos. Niemand, der einem die Wahl abnimmt oder abkauft, hähä. Eigene Entscheidung, nicht wie beim Scheißen, wo man früher oder später nachgibt, oder die Reste aus der Hose kratzen muss. Haben sie schon mal ‘Ich Kacke aus Jux und Tollerei in die Ecke’ gespielt? Großartig. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Schlafentzug. Oder sollte ich stetig anhaltender Halbschlaf sagen?  Wie auch immer, ich zahl auch drauf. Wie viel macht das? Richtig. 24 Stunden am Tag, sieben mal die Woche. Nichts geht verloren, nicht eine Sekunde. Keine einzige.

Ich bin beeindruckt, geht man im Geiste jede Möglichkeit durch, jemanden umzubringen, bedenkt dabei Abläufe und geht jedes noch so winzige Detail durch, blendet man automatisch nach einer gewissen Zeit die Geräusche der unmittelbaren Umgebung aus.

Und mit ausblenden ist abschalten gemeint. Ein Geniestreich, wissenschaftlich wohl nicht zu erklären.

Alte, frustrierte Ehemänner, die ihre Frau lieben, aber denen ihr ständig wiederholendes lüstern- lästerndes Gerede über andere Menschen wie Nachbarn, Freunde und die Familie, zum Hals heraus hängt und die lieber vom genervten Lustmolch zum Pornostar avancieren, dabei die Ehefrau zum Lustobjekt degradieren, würden, würden ihre Freude haben.

Zum stillen Lustobjekt, die höchstens beim Sexualakt stöhnender Weise Laute von sich gibt.

Diese spezielle Zielgruppe, die der alten und frustrierten Ehemänner, würde mir für diese Technik der Stressbewältigung den Nobelpreis verleihen. Den Friedensnobelpreis, für ein menschenwürdigeres, friedvolleres Zusammenleben, nach so vielen Ehejahren. Von der Zielgruppe sitzen bestimmt genügend im Komitee.

Danach würde ich, zurecht, für diese sexistische Erfindung, ins Gefängnis wandern und der Friedensnobelpreis zurück nach Stockholm, wo sich die alten und frustrierten Ehemänner gehörig was anhören könnten, von ihren Ehefrauen. Zurecht.

Der hellwache Löwe hält sein Maul, scheint fertig gequietscht zu haben. Nun kann er sich vom Acker machen, Leine ziehen, hingehen, wo der Pfeffer wächst.

Na, wo wächst er denn, der Pfeffer?

…Er fängt wieder an…

Dance, stopf ihm bitte sein Maul!

Diese Aufnahme zeigt eindrucksvoll, wie viel Spaß wir abseits der Geschichte miteinander hatten. Eine tolle Zeit.

Kurze Zeit später, Zeit zum Träumen, zum Dösen, Zeit zum Überbrücken, Verschwenden, Innehalten und Durchschnauben, denke ich über meine Träume nach. Welche Träume habe ich und was wird die Zukunft bringen?   

Lohnt es sich heutzutage überhaupt noch zu träumen?

Ich schließe die Augen, seufze und öffne sie einige Sekunden später. Der Löwe mit der nervigen Stimme ist weg. Hat sich vom Acker gemacht, hat Leine gezogen, ist hingegangen, wo der Pfeffer wächst.

Plötzlich wird mir drückender Weise etwas bewusst: Ich muss mal ganz dringend aufs Klo, also entledige ich mich von den blähenden Reststoffen, dem Mist, der Scheiße, kauernd hinter einer orangefarbenen, mit braunen Punkten versehenden Eckbank.

Sauber mache ich mich mit einer 3-lagigen Rolle aus Illusionen.

Als ich wieder hinter der Geschäftsbank hervorkomme, ist der Ball verschwunden. Hinter zig Sitzmöglichkeiten suche ich ihn, finde jedoch keinen blau- weiß gestreiften Plastikball. Beim Namen rufe ich ihn, bekomme aber keine Antwort. Niemand weit und breit. Ich bin allein, einsam, inmitten dieser kitschigen Umgebung. Scheiße, verdammte!

#11 Krankhaft

Blödes Blogbuch,

vereinzelte Verzweiflung, die es sich bei mir gemütlich macht. Die Platz schafft in meinen kranken Gedanken. Mir aufzeigt wie krankhaft es um mich herum zugeht (mich selbst einmal ausgeklammert). Wie verkorkst die Gesellschaft ist. Wo Normen und Prioritäten völlig willkürlich ausgelegt werden und Dummheit um sich greift. Die Jugend ist versaut, meine Generation macht es möglich. Aber einige wenige leisten erbitterten Widerstand, ihnen gilt die Hoffnung!

Nicht denen, wo der Vater seinen siebenjährigen Sohn ausschimpft, weil er seine Cola nicht austrinken mag und den Hamburger nur anbeißt, weil es gestern schon Hamburger gab und morgen wieder.

Von anderer Seite wird gewettert, dass das Kleinkind schon vier Smartphones kaputt bekommen hat. Gewagt wird reflektiert:

Wie kann sowas nur passieren? Das Kleinkind kann doch eigentlich mit dem Ding umgehen, es benutzt nur altersgerechte Apps, den lieben langen Tag. Ich weiß auch garnicht, warum es immer diese Bockanfälle entwickelt, wenn ich dem Kleinkind das Smartphone wegnehme und überhaupt kann ich mir überhaupt nicht denken, warum das Kleinkind so scheiße GESTÖRT ist. Das liegt sicherlich nicht an meinem bemitleidenswert winzigen IQ, denn schließlich habe ich ja Abitur gemacht.

Miss Gabbat ist auch schon ganz genervt von den kaputten Familien, die einem so unter kommen. Dann verdreht sie die Augen und krakelt:

Kleinkind, du Spast! Geh von meinem Handy weg, das ist doppelt so alt wie du. Das werde ich noch einem Museum spenden, frag deine Mama was ein Museum ist, die hat Abitur und ist Erziehungsexpertin.

Eine wunderbare Person, unsere Miss Gabbat. Sie überrascht mich immer wieder. Ich würde mir wünschen, sie würde gegen andere Muttis um die Vorherrschaft kämpfen, nackt. Also angezogen geht auch, bin ja kein Sexist oder sonstiger Terrorist. Nicht, dass hier falsche Fakten zu den Akten gelegt werden. Fake News (hähähä).

Das wollte ich auch mal schreiben. Überhaupt drifte ich gerade ziemlich vom Thema ab, diesem krankhaften Scheiß, der um mich herum und nebenan so abgeht.

Erst letztens musste ich wieder stundenlang mit einem meiner lieben Kinderchen in der Notaufnahme verharren.

Es wollte, wie ein Stier, mit dem Kopf durch die Wand. Wahrscheinlich zu einer anderen Familie, einer besseren, bei der es jeden Tag Junkfood gibt und Zocken und Fernsehen ohne Limit. Und wo man mit sieben Jahren ein Smartphone besitzt, wie alle anderen in der Klasse auch!

Jedenfalls kam ein besorgt- aggressiver Vater, mit seinem fiebernden Säugling in die Notaufnahme und meinte jetzt sofort behandelt werden zu müssen, da es seinem Säugling so schlecht ginge…

Überhaupt ist die Kinder- Notaufnahme immer voll mit fiebernden Säuglingen und Kleinkindern, die wegen einer Warze, oder Ähnlichem, dort alles blockieren. Peinlich, das so etwas möglich ist. Peinlich, wer die Notaufnahme für so etwas schamlos ausnutzt. Ausnutzen ist das richtige Wort. Diese Gesellschaft hat jegliche Scham verloren, niemand wird mehr rot, wenn er etwas ungerechtfertigterweise erschleicht oder ergaunert. Jeder nimmt, was er kriegen kann. Asozial, dieses Wort gewinnt wieder rasant an Aktualität.

Unsere Eltern haben unserer Generation gewisse Werte nicht gut vermittelt (oder wir haben sie einfach falsch verstanden). Wie sollen die Geschädigten dann ihren Kindern Werte vermitteln? Da sind teilweise einfach keine Werte, die sie vermitteln können. Erschreckend, wie ich finde…

…Die Vitalwerte des Säuglings in der Notaufnahme wurden jedenfalls gemessen und waren alle unauffällig. Der Fall wurde als nicht besonders dringlich eingestuft, was zu erheblichen Wartezeiten führen kann. Daraufhin ist der Blödmann von Vater so ausgetickt, dass er den ganzen Laden lahm gelegt hat. Fluchend und beleidigend hat er herumgewütet und bestand darauf, dass die Polizei kommt, damit er das Krankenhaus verklagen kann. Vorher hat er noch versucht den Oberarzt zu bestechen, damit er seinen Säugling sofort behandelt.

Die Polizei kam dann auch und verwies ihn lediglich des Hauses, wahrscheinlich haben sie den tobsüchtigen Verrückten nett darum gebeten, ihm auf die Schulter geklopft und Verständnis gezeigt. Das meine ich ausnahmsweise ernst.

Die ganze Aktion ging über eine Stunde, in der auch sein angeblich im sterben liegender Säugling, nicht behandelt wurde. Aber darum ging es dem Bekloppten schon gar nicht mehr.

Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, konnte ich noch folgendes beobachten:

Ein junges Paar, voll hip, voll im Trend und mit Säugling auf dem Arm, der von der Mutter, während des Laufens, gestillt wurde. Die hippe Bande unterhielt sich ganz relaxt mit einer Krankenschwester bei der Anmeldung.

Nachdem die Personalien geklärt worden waren, fragte die Krankenschwester ganz verdutzt, warum sie erst jetzt kämen, da der Säugling doch vor über 24 Stunden von dem Kinderarzt hierher überwiesen worden war. Der Vater erklärte dann ganz relaxt:

Oh, das tut mir leid. Ist das schon über 24 Stunden her? Wir mussten etwas klären, wir hatten eine Krise…

Miss Gabbat hat da folgende Meinung:

Eine Krise in deine Fresse, du Spast! Ihr seid nicht wichtig, sondern euer Kind! Ihr macht mich wütend, ihr selbstverliebten Ignoranten.

Anhand dieser zwei völlig unterschiedlichen Erlebnisse, die ich direkt nacheinander beobachten konnte, wurde mir eines deutlich:

Die Mitte dieser Gesellschaft bricht weg. Alles wird extrem, niemand verhält sich mehr gemäßigt. Keiner ist mehr vernünftig. In alle Richtungen wird Gas gegeben, ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne ein Miteinander. Warum sollte ich Teil von etwas sein wollen, das sich gegenseitig nur duldet, solange man sich nicht in die Quere kommt und der eigene Profit stimmt?

Ein sinnloses Unterfangen, es wird sowieso krachen, früher oder später. Die Politiker schauen hilflos zu, machtlos stecken sie ihr wohlverdientes Geld in Luxusgüter und verkehren in ganz anderen Kreisen (aber über Politik und Religion möchte ich grundsätzlich nicht schreiben; auch aus Gründen der geringfügigen Kapazität meines E-Mail Postfachs). Natürlich hat sich unsere Gesellschaft verändert, ist stetig im Wandel, bewegt sich sozusagen, nur habe ich das Gefühl, dass der Großteil einfach provokativ stehen bleibt oder es aussitzten möchte. Kaum einer gibt sich mehr Mühe die Situation zu verbessern, das Gegenteil ist der Regelfall. Manchmal weine ich ohne Grund, oder stecke mir Salzstangen in die Nase.

Vielleicht erzähle ich auch nur Quatsch und lebe einfach in einer scheiß Gegend. Kann schon sein. Ist schon möglich. Alles halb so schlimm… 

…Trotzdem schaue ich mir weiterhin als erstes immer die Eltern, mit ihren Kindern an, wenn ich wissen will, wie es um die Gesellschaft steht…

Mit erschreckendem Ergebnis.

Vielleicht bin ich ja der Einzige, dem das alles auffällt, vielleicht bin ich aber auch der Einzige, dem das alles erst jetzt auffällt, während der Rest sich bereits mit all dem abgefunden hat und fröhlich dumm vor sich hindümpelt, denn Dummheit macht alles viel erträglicher…

und Ignoranz ist ein Hurensohn.

 

[Hinweis: Dieser Eintrag kann als Hilferuf verstanden werden.]

Zehn

9. Der Flug und die Klangwelt

Grauenvoller Anblick, Holzleichen soweit das Auge reicht. Hier und da einige wenige sich windende Verletzte, die aus eigener Kraft das Schlachtfeld nicht mehr verlassen können. Sanitäter gibt es nicht, alles wird dahinraffen, früher oder später. Alles.

Fruchtbare Erde, sie wird neues Leben austragen, das Alte wird in Vergessenheit geraten, nichts wird daran erinnern, der Kreislauf geht weiter. Bis zum letzten Tag auf Erden. Bis zum letzten Tag auf Erden. Das Bewusstsein der Endlichkeit, was die Erde und das Leben auf ihr angeht, wird einem in solchen Momenten eindringlich vor Augen gehalten.

Viele Menschen verschließen die Augen, wollen nicht sehen, begreifen, wahrhaben. Ich werde meinen Weg gehen, der blau- weiß gestreifte Plastikball wird mich vorerst begleiten. Er rollt hinter mir her, während ich mich mit schnellen Schritten von dem Schlachtfeld entferne. Keiner von uns sagt etwas, wir sind still, nachdenklich.

Meine Mutter schweigt, auch sie ist sprachlos (wen wundert es) angesichts der schrecklichen Geschehnisse.

Vogelgesang bricht die Stille, reißt mich aus meinen Gedanken, die eigentlich schon seit einiger Zeit keine wirklichen Gedanken im Sinne von wirklichen Gedanken mehr sind, sondern eher Leere, stumpfer, dumpfer Leere, entsprechen. Leere, voller unwirklicher Gedankenansätze, die nicht ausgereift, nicht greifbar sind, auf der Stelle zu treten scheinen. Treten ist das richtige Stichwort.

Ich habe schon wieder stechende Kopfschmerzen, höre einen Vogel zwitschern. Einen (unwirklichen) Vogel? In meinem Kopf? In meinem hohlen, leeren Klotzkopf? Gefangen wie in einem, dem Klischee entsprechenden, goldenen Käfig. Ich sehe ihn oder spüre seine Existenz. Keine Ahnung was hier abgeht. Das alles scheint nicht wirklich real.

Der Käfig besteht aus Gitterstäben, bietet aber keinen Schutz, trotz doppelter Edelstahlverchromung. Warum erkenne ich das? Das Wort jedenfalls, sieht sehr stark aus. Der Vogel will raus, er ist ein Gefangener.

Es sind (Ninja-) Schallwellen die in mich dringen, verzerren, sich auseinanderziehen, zu einer riesigen Welle auftun, um am Ende über mir zu brechen, mich wegspülen, ganz weit weg. Dorthin wo noch niemand war und wo auch niemand nach mir mehr sein wird…

In eine Klangwelt, voller anmutender Töne. Meine Klangwelt. Was ich hier sehe, ist nicht von Bedeutung, was ich höre, darauf kommt es an. Lieblich aufspielende Töne, sie wollen mir imponieren, bestreiten einen internen Wettkampf, wer denn wohl am besten klingt?

Sie klingen doch nur gemeinsam gut, einheitlich und doch so verschieden. Das scheinen sie zu wissen, auch dass sie bereits beim Auffangen des Schalls in meinen Ohrmuscheln und den äußeren Gehörgängen multiple Orgasmen auslösen, während die Schallweiterleitung und schließlich die Verarbeitung im Innenohr bereits so stimuliert und gereizt ist, dass meine Ohren schmerzen, bluten, anschwellen. Nein zuschwellen, meine Gehörgänge schließen sich langsam. Ich verliere mein Gleichgewicht, falle um, liege benommen auf dem Boden.

Es riecht nach Erde, frischer Erde. Reizüberflutung, das zweite Mal innerhalb kürzester Zeit. Die Töne sind unbeeindruckt, harmonieren weiter miteinander, bilden Melodien. Einfache und genau deswegen so komplex wirkende Melodien. Der Wohlklang hat sich im Ohr festgesetzt, mein Körper hat sich angepasst, die Symptomatik verschwindet langsam. Mir geht es wieder gut, ja besser als zuvor.

Die Melodien ziehen mich an, ja sie ziehen mich an. Vor allem sind es meine liebsten Melodien die sich mit guten Rhythmen verknüpfen. Gewebe entsteht. Rohes, reines Gewebe ohne Zusätze. Keine Spielereien, keine Experimente. Das Gewebe wird direkt weiterverarbeitet, gestrickt zu einem nur mir passenden Anzug.

In Windeseile ist er fertig gestellt. Maßangefertigt, exklusiv, enganliegend. Ich habe nun wieder etwas an, bin nicht mehr nackt. Einen Ganzkörperanzug, hergestellt aus meinen liebsten Melodien vermischt mit guten Rhythmen. Nun bin ich ein Superheld. Wo ich auch hingehe, gute (urheberrechtlich geschützte) Musik wird mich begleiten, schlechte (urheberrechtlich geschützte) Musik hat keine Chance.

Ich betrachte meinen Anzug. Er ist stillos und somit stilvoll, existiert nicht, für mich schon. Es ist mein Heldenkostüm, ich bin der Held. Ob Held oder Antiheld, Hauptsache Held. Für immer oder nur für einen Tag, egal, jedenfalls ein Held, mit Musikgeschmack.

[Das sollte unbedingt berücksichtigt werden, vorallem von den sogenannten Influencern, jenen die DAS HIER niemals lesen werden und auch von all den kosmischen Aliens die auf diesem Dokument im HTML- Format kurz parken, um dann wieder zurück zum Heimatplaneten zu surfen. Die Geschichte ist zwar kacke, aber der urheberrechtlich geschützte Soundtrack dazu, den ich weder textlich noch akustisch wiedergeben darf, ein Knüller! Auch diese Geschichte und all die anderen Texte auf dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Wie fast alles im www. Unglaublich, aber ernst gemeint. Urheberrechtlich geschützter Mist, könnte man meinen. Man könnte aber auch weinen… Mit dicken Scheinen macht sich der Ball mittlerweile den Plastikarsch sauber, dank dieser Geschichte ist er unter seinesgleichen ein Superstar. Auch dank des © Copyright.]

Nun setze ich meinen Weg fort. Wie spät mag es sein? Wann habe ich das letzte mal geschlafen? Zeit spielt keine Rolle, ich fühle mich frisch.

Jetzt hör doch mal auf blöd herum zu nuscheln und nimm mich in den Arm! Ein Ball braucht Körperkontakt, sonst geht ihm die Luft aus.

Der Plastikball unterbricht meine heroischen Gedanken, er will in den Arm genommen werden, will Liebe und Zuwendung von mir, fühlt sich vernachlässigt. Vielleicht sollte ich nicht immer nur an mich denken. Plastikbälle haben schließlich auch Gefühle, Bedürfnisse, brauchen Aufmerksamkeit. Menschen vergessen oft, dass sie nicht die einzigen Lebewesen auf der Welt sind. Kindern wird auch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dafür schenken sie dann elektronischen Dingen stundenlange Aufmerksamkeit, ohne Filter und andere Stöpsel.

Na los, fass mich an! Fickfresse!

Ich fasse den blau- weiß gestreiften Plastikball an, ziemlich grob. Fickfresse, so hat mich mein Sexualtherapeut immer genannt, wenn ich ihm erklärt habe, dass seine Frau… Halt, ich bin mein eigener Therapeut… Im nächsten Augenblick:

Taubheitsgefühle, ich fliege, wir fliegen, durch die Luft. Ein unbeschreibliches Hochgefühl. Verdammt ich fliege, ich fliege, fliiiiiiiiiege!

Die Aufnahme zeigt einen Probeflug, bei dem ich noch nicht wusste wie der Hase fliegt. Es endete mit einer fiesen Bruchlandung, ein neuer Plastikball musste her.

Was für eine Aussicht, fantastisch. Der Ball klemmt zwischen meinen Beinen und kontrolliert jede einzelne meiner Bewegungen, lenkt meinen Körper. Mein Geist ist frei. Was für ein Genuss, herrlich. Erst der Klang und  jetzt der Flug, das inspiriert mich, ich komme mir vor wie die Nadel über der Schallplatte, die sie von oben herab sanft kitzelt.

Meine beiden Arme sind weit auseinander gestreckt, die Beine mitsamt dem Ball dazwischen, leicht angewinkelt. Die Ohren bewegen sich auf und ab und das in einem Tempo, welches dem des Flügelschlags eines Kolibris gleichkommen würde. Zum Glück spüre ich momentan nichts, würde wohl auch sehr ungewohnt sein, solch flatterhafte Ohren am Kopf zu haben.

Hey Dance, ich wusste gar nicht, dass wir Menschen fliegen können.

Während ich das sage, blicke ich den Plastikball bedeutungsvoll an.

Ich auch nicht, aber irgendetwas müsst ihr ja können.

Mein Blick richtet sich nach unten. So viele Grün- Töne, jeder einzelne hätte einen Namen verdient, hat ihn bestimmt auch, nur was bringen Namen, die nicht ausgesprochen werden. Blaue sich bewegende dahinschlängelnde Linien. Mal sehr schmal, dann wieder breiter werdend in einem riesigen blauen Fleck endend, um dann wieder vielfach aus ihm herauszutreten, andere Richtungen einzuschlagen, rechts, links ohne Regelmäßigkeit, voller Willkür. Ein Grauschleier umgibt uns, es riecht nach Niederschlag, nach Regen. Mein Regen, lieblicher Regen

Der Wind weht von rechts. Der Himmel ist bedeckt, eine riesige graue Wolke hüllt uns ein. Wir fliegen durch sie hindurch, mit ihr mit. Wie ein monströser übergroßer Schatten. Überall, wo wir entlang fliegen, herrscht Dunkelheit und Beklommenheit.

Runter, wir müssen landen.

Der Ball reagiert auf meine Worte und wir verlieren an Höhe, fliegen abwärts, immer schneller, immer steiler. Ich habe keine Angst, vertraue dem Ball. Ja, außer mir selbst, ist Dance momentan der einzige dem ich vertraue. Einer Hand voll Verwandten sowie guten, alten Freunden vertraut man.

Mit dem Plastikball bin ich mit Sicherheit nicht verwandt, also ist er folglich mein Freund. Mein guter Freund.

Ich fühle mich geschmeichelt, halt dich jetzt fest, die Landung könnte etwas turbulent werden.

Festhalten, er hat doch hier die Kontrolle, wie festhalten? Hügel, verschieden hohe Hügel rasen auf mich zu. Ich nehme nur die Konturen wahr. Schattierungen, grau- schwarze Schattierungen kommen näher. Mein Schatten, das ist mein Schatten, er wird immer kleiner, kurz vor dem Aufprall, das Tempo ist gleichbleibend, konstant.

Gleich bin ich tot, ich vertraue dem Ball, Aufprall! Ein leises –Wuschi Puschi- ertönt, wir fliegen gegen, nein, durch Materie hindurch. Wabbelige, etwas zähe, Materie. Etwa zwei Meter, dann schweben wir, nein, gleiten wir in eine andere Welt…

Die Landung ist sanft, nicht der Hauch von Turbulenzen. Dance ist ein guter Steuermann. Brennender Kopfschmerz bis zur Unerträglichkeit, Normalität, abrupt. Ich bin wieder ich, beherrsche meinen Körper. Über mir, viele hundert Meter entfernt ist die wabbelige Materie, diese Schutzschicht.

Sie ist überall am Himmel, sie schimmert, glitzert, hüllt alles ein. Das einfallende Licht bricht sich in ihr, ein faszinierender Anblick. Wie Unmengen von Gelee, das man gegen die Sonne hält. Umgeben vom scheinbaren Nichts, von Luft. Keine genauen Grenzen sind zu erkennen. Keine Trennlinie, die eindeutig im Stande ist festzulegen: Bis genau zu dieser Stelle und nicht weiter.

Eher sind grobe Richtungen vorgegeben, wie die sexuellen Vorlieben von gewissen Staatsdienern. Es sind kleine Auswölbungen und Einbuchtungen aber auch riesige kraterähnliche Flächen inmitten der Materie zu erkennen. Außerdem scheint sie an manchen Stellen etwas näher zum Boden zu sein als an anderen Stellen. Vereinzelt ist sie auch kaum zu lokalisieren, lediglich der Effekt des Schimmerns und Glitzerns lässt das Vorhandensein dieser wirklich irrational wirkenden Materie erahnen. Auch entfleucht sie teilweise tröpfchenweise ihrer relativ soliden Masse, wie einzelne riesengroße Tropfen, die von oben bis auf wenige Meter über dem Boden ragen. Der Anblick ist insgesamt wohl nichts für Perfektionisten.

Erst jetzt realisiere ich meine nähere Umgebung, ich stehe mitten auf einem riesigen beigen Flokatiteppich, welcher ursprünglich wohl einmal weiß gewesen sein muss, aber mit den Jahren total vergilbt ist. Überall um mich herum sind alte verschlissene Sofas und Sitzecken. Dem Stil nach zu Urteilen kommen sie nicht aus dem 21. Jahrhundert. Die Farbtöne braun, orange, gelb und grün dominieren. Das war eindeutig vor meiner Zeit.

Als Muster haben sie unter anderem Kreise, Streifen, Pünktchen, Blümchen oder geschlängelte Linien, welche liebevoll verschnörkelt sind.

Keine Ecken und Kanten finden sich in den Mustern wieder, eine Symbiose aus Harmonie und Unschuld in trauter Eintracht. Grässlich.

Wie viel Kitsch verträgt der Mensch? Eindeutig zu viel! Verdammte Scheiße, wo bin ich hier nur gelandet? Die Sterne sehen immer noch anders aus… Reiner an Kontrollstation…