Dreizehn

12. Eine beschwerliche Reise durch meinen Kopf oder die Realität hatte mich für ein müdes Augenzwinkern wieder

Die Augen bleiben zu, trotzdem sehe ich klar. Fühle. Fühle mich leer, ausgebrannt. Meine Glieder Schmerzen und ich muss aufstoßen. Der Kehlkopf brennt, ein brennender Klos, der festzusitzen scheint. Das Sprechen ist dadurch gelähmt. Saurer Magensaft steigt und fällt, wie der Meeresspiegel mit den Gezeiten, in meinem geschundenen Hals.

Die Schleimhäute sind permanent gereizt, wie das Holz eines Segelschiffs, mit der Zeit, vom Salzwasser. Der Bauch grummelt, übelriechende Luft entweicht, unter knatternden Geräuschen aus dem Ende des Darms, fast in regelmäßigen Abständen. Die Augen wirken Müde, sehnen sich nach Schlaf. Auch die dunklen Ringe darunter zeugen von Mangelerscheinungen. Eine Welle der Ohnmacht erbricht auf mich, ausgelöst durchs Denken.

Durchs Denken an die Zukunft, unerledigte und nicht verarbeitete Dinge, welche schnell erledigt und verarbeitet werden müssen.

Ein Druck entsteht, der Brustkorb ist gefangen, in Einzelhaft, isoliert. Unerklärliche Angst und Trauer im Hinterkopf, lastet zusätzlich auf all dem.

Der Körper steht unter Spannung, ich bin reizbar, das merke ich deutlich. Keine Zeit, für nichts.

Ein wandelnder Schöngeist ohne Kunst und Literatur. Überforderung fordert ihren Tribut. Dieser scheint in diesem Augenblick ziemlich hoch zu sein. Fast Unbezahlbar.

Das trübe Wetter mit wolkenbehangenem Himmel passt zur Gemütslage. Melancholie umhüllt den Geist, die Seele leidet.

Die blutunterlaufenen Augen noch immer Geschlossen, sehne ich mich danach, sie ein weiteres mal schließen zu können. Diese schnelllebige, hektische Welt (um einen herum), für einen kurzen Moment zu vergessen. Das wäre in der Tat, in diesem, trostlosen und beschissenen Augenblick, mein sehnlichster Wunsch.

Meine Kopfdecke beginnt zu kribbeln. Das Gefühl, welches mich nun quält, ist zu vergleichen mit einem durch über eine gewisse Zeitspanne entstandenen Taubheitsgefühl des Hinterteils, nachdem man über Stunden hinweg auf einer schlecht gepolsterten Bank gesessen hat, nur um Disziplin und Anstand zu demonstrieren.

Diese Aufnahme zeigt eine einsame Bank. Trotz vieler Vermittlungsversuche ist sie bis heute verlassen.

Die Vorstellung mit einem Skalpell die Kopfdecke mit ruhigen, routinierten Bewegungen zu lösen und darunter zwei sich windende Gehirnhälften vorzufinden manifestiert sich in meinem von zwei sich windenden Gehirnhälften bestehenden und vollkommen überanstrengten Hirn.

Ich fühle mich traurig, aber warum? Es ist still um mich herum, keine Musik, die die Stille und Beklemmung, zu brechen vermag.

 

12.1 Sonnenlos (ein realer Einwand vom 23. Januar 2010)

Ausgezehrt, von zehren nicht von zerren. Zehren wird Lang gesprochen und genau darum geht es. Ein lang andauernder Prozess. Der Körper ganzheitlich mit Seele und Geist sehnt sich nach der Sonne, all die Wintermonate, die dunklen, tristen Monate, welche Beklemmung auslösen, umso länger sie ausfallen und umso kälter, Eiseskälte®. Die Sonne, mit ihrer Wärme hingegen umhüllt, sobald sie mal für einige Minuten zum Vorschein kommt, das Wesen mit Leben, mit Hoffnung auf bessere Zeiten, Zuversicht.

Das Sonnenlicht bricht durchs Fensterglas und gelangt direkt in mein Gesicht. Viel schneller als der Prozess des ausgezehrt seins und zwar nur einige Minuten lang, dock ich mich an das Leben an, dabei schließe ich die Augen und genieß den Augenblick. Atme tief ein bis in den Bauch hinein und wieder aus. Der Kopf neigt sich anhand des Sonnenstandes. So verharre ich bis mich die Sonne verlässt und ich allein zurück bleibe… Voller Sehnsucht, aber nicht mehr ganz so ausgezehrt, mit einem Lächeln im Gesicht und Hoffnung die sich nicht verliert.

 

12.2 Halogene Substanzen, her damit!

Ich erwache aus den verwirrenden Wirren meiner Gedanken, die ich mit mir selbst teile. Alles kommt mir suspekt vor, realitätsfern, weit, weit weg. Nichts vertrautes, nur Leid und Trauer. Was war dies alles? Jedenfalls nichts für mich, das steht fest.

Das ist deine momentane Realität, auch wenn sie weitaus schöner und bequemer sein könnte. Es liegt letztlich an dir, an uns. Nimmst du dein Schicksal, unser Schicksal an, oder flüchtest du wieder in deine selbst erschaffte Realität?

Mein Ich legt mir drei runde Pillen, mit jeweils einem eingestanzten blau- weiß gestreiften Plastikball, in die rechte Hand.

Ohne mich zu rechtfertigen, mir eine Moralpredigt anhören zu müssen und ohne groß darüber nachzudenken, schmeiße ich alle drei gleichzeitig in meinen Mund und schlucke sie hastig herunter. Dunkelheit… Ich fühle mich benommen, völlig unbeherrscht.

Eine einzige Tastenfolge, eine Kombination: Repeat, Vorlauf, Rücklauf, Einlauf. 

#13 Berlin

Blödes Blogbuch,

es ist ein Trauerspiel. Diese Stadt platzt aus allen Nähten, Touristen, Hundehaufen und Zugezogene machen das Leben in der Stadt einfach unerträglich. Der Verkehr ist auch zum Kotzen. Ich bin für eine Teilung. Ist das nicht mal eine neue, frische Idee? Eine hohe Mauer könnte errichtet werden. Sie würde die Innenstadt von den Randbezirken abgrenzen.

In der City feiern dann die Touristen weiter, Hundehaufen und Zugezogene unterstützen sie dabei, während der Rest ruhig und harmonisch in den Randbezirken lebt.

Ich denke, das wäre eine feine Sache, würde dafür ohne mit der Wimper zu zucken, auf die hippen Viertel verzichten. Auch die Kultur könnten die Banausen gänzlich für sich haben. Nur die Ruhe, überlasse ich denen nicht. Die beanspruche ich für mich! Meine ausuferne Feierlaune ist mir abhanden gekommen, auch meines betagten Alters wegen. Wer mit Ende Dreißig noch regelmäßig die Clublandschaft unsicher machen muss, der hat was nachzuholen, oder steckt noch in der Pubertät fest.

Sollen sich doch die ganzen zugezogenen Landeier, Kleinstädter und Größenwahnsinnigen mit den Touris herumärgern.

Die können den Idioten dann beim Partymachen behilflich sein, auf deren Kotze herumrutschen und sich dabei ganz toll fühlen, des Berliner Flairs wegen. Den Verwandten und Bekannten erklären sie dann weinend vor Freude, dass sie jetzt echte Berliner seien (und somit besser als die Anderen).

Nein verdammt, dass seid ihr nicht! Und das werdet ihr auch nie… überhebliches Pack!… (sprach der alte Sack und lächelte vielsagend).

Bei dem chronischen Wohnungsmangel können sie sich, in ihrer City,  übereinander stapeln, wie ein überbelegtes Sandwich, für das Allgemeinwohl, dadurch entsteht Platz für noch mehr Touristen und Größenwahnsinnige, die hinzuziehen, während der äußere Rand komplett dicht gemacht wird. Ein paar Außenklos und sanitäre Anlagen werden natürlich bereitgestellt, damit keine Seuchen ausbrechen.

Die Versorgung des Stadtkerns könnte über eine Art Luftbrücke gewährleistet werden.

Durch das planmäßige Abwerfen von lebenswichtigen Gütern wie Rosinen und Drogen wird das Partyvolk bei Laune gehalten. 

Hundehaufen, die nicht schon jetzt in der Innenstadt liegen, werden von außen, mit eigens dafür entwickelten Hundehaufenschleuderapparaturen (sogenannten Kackschleudern) über die hohe Mauer geschossen. Das übernimmt die neu formierte Randjugend. Dabei machen sie sich einen Spaß daraus, einen vor Hochmut anschwellenden Zugezogenen zu treffen, was nicht besonders herausfordernd ist bei der akuten Überbevölkerung der City.

Die Getroffenen schreien dann meist laut fluchend auf, bevor sie heulend und schluchzend in ihr Heimatnest zurückkehren. Ordentlich geteert und gefedert, wie sich das gehört.

Vorher bekommen sie noch ein -gescheitert- auf die Stirn tätowiert, von einem der unzähligen zugedröhnten Touristen, des Berliner Flairs wegen.

Gestochen mit einem glühenden Fadenkreuz.

Extremisten werden für die Straftat eingesperrt und gefoltert. Die völlig unschuldigen, armen, kleinen Extremisten, sind wegen der willkürlichen Brutalität schockiert, die der Stadtrandstaat ausstrahlt. Ungerecht und voll fies, ey! Die Klatschpresse ist begeistert. Einige Zugezogene ziehen daraufhin weiter nach Zossen oder Zeuthen (sicher des Brandenburger Flairs wegen).

Scheiße, was für gemeine Zukunftsfantasien. Gemein sein ist gemein zu sein und genau nach meinem Geschmack, doch leider läuft es in den Randbezirken dann nicht wie geplant:

Die Randjugend langweilt sich, beginnt die Hundehaufen auch auf ehrbare Bürger des Randes zu schleudern und benimmt sich auch so völlig daneben. Immer diese abgefuckten Kinderlein.

Sperrt sie bloß alle in einen riesigen Laufstall. Dort können sie sich gegenseitig die Hörner abstoßen und werden dann mit Eintritt der Volljährigkeit entlassen. Natürlich im Rahmen einer neuartigen pädagogisch- erzieherischen Methode, des hierzulande völlig unbekannten Prof. Dr. Kindermann- Rinderwahn. Einem Genie unter seinesgleichen.

Alles gerät jedenfalls außer Kontrolle:

Verantwortlich dafür ist natürlich nicht das einzelne Kind, bei so vielen Defiziten, Schwächen und Störungen, die diagnostiziert werden. Die sind Schuld und die Anderen (wie immer).

Kommt alles von ungefähr und ist nicht hausgemacht. Das ist Ausrede genug, da muss sich das Kind auch im Nachhinein nicht für irgendetwas entschuldigen, wofür gibt es einen Freifahrtsschein? Verantwortung für seine Taten braucht ein Kind heutzutage nicht zu übernehmen. Dafür ist es viel zu jung und gestört.

Lasst uns die Kinder doch noch kleiner machen, als sie sind. Können ihnen ja vorsichtshalber Windeln ummachen, wenn sie für den Klimaschutz auf die Straßen gehen. 

Die Muttis beginnen sich schon im Gruppenchat aufzuregen über soviel bitterbösem Sarkasmus, während sie sich gegenseitig überschwenglich Herzen und vor lauter Glück kotzende Emojis schicken. Lawinengefahr!

Die Vatis klopfen sich dabei lautstark im Takt selbst auf die Schultern. Das bekommen sie gerade noch hin. So entsteht ein Pulk, die Zufriedenheit sinkt und Hassparolen werden gerufen. Chaos herrscht, niemand blickt mehr durch, alles wirbelt durcheinander.

Am Ende ist es dem übermäßigen Weichspülerkonsum zu verdanken, dass die Familien wieder zueinander finden. Der Nase nach liegen sie sich in den Armen und drängen schließlich Richtung Innenstadt, um dem Spuk ein Ende zu bereiten und Berlin wieder zu vereinen.

Geplagt von allergischen Reaktionen und Lebensmittelunverträglichkeiten randalieren und plündern sie, während die Mauer abgetragen wird. Stück für Stück.

Die Mauer verschwindet so schnell wie sie gekommen ist.

Überrascht halten die Randbewohner inne, denn das Bild, das sich ihnen bietet, ist erschreckend:

Die Hundehaufen haben ein Eigenleben entwickelt, während alle Touristen und alle Zugezogenen von einem Wurmloch mitten im Monbijoupark verschlungen wurden. Später hat man ähnliche Wurmlöcher in Zeuthen und Zossen entdeckt. Einheimische Zossener sprechen von einer unaufhaltsamen Invasion Verrückter und es wird laut über den Bau einer hohen Mauer, um die Gemeinde herum,  nachgedacht.

Die Hundehaufen marschieren derweil direkt auf die Randbevölkerung zu, mit Bierflaschen in den Kackhänden (die Spätis wurden kurzerhand überrollt/ geplündert und enteignet),  um die Herrschaft über die Stadt zu erlangen.

Berlin stinkt. Im Übrigen auch der Autos wegen.

Die hatten letztlich WAGEN (sexuellen?) Kontakt mit der Hundescheiße. Ein bisher unbekanntes Phänomen, was noch mehr Touristen anlocken und Landeier hinzuziehen lassen wird.

Kacke mit Autos drann… wie originell! Das ist Kunst auf vier Rädern mit Kacke drann. Lasst uns die Autos noch mit weißen Laken abdecken. Das sieht dann seriös aus und sagt alles über unsere Gesellschaft. Dann kann man die Kunstwerke für einen guten Zweck ersteigern und alle sind fein raus, mit Kacke drann.

Sollte nach Zossen ziehen… oder nach Zeuthen… Werd das mal mit Miss Gabbat besprechen, wobei Wurmlöcher ihr zuwider sind.

Die Party kann also weiter gehen… Berlin kackt an!

Es ist ein Trauerspiel.

Ein Auszug aus der Klatschpresse bringt es Tage später auf den Punkt:

…Plan B ist gescheitert! Das Ausland reagiert amüsiert. Der BER wird kurzerhand fertiggestellt. Mit Drohnen aus den USA und Cyberattacken aus Russland. Brandenburg ist das neue Kalifornien, nur Eisenhüttenstadt bleibt Stalinstadt…  äh… Hüttengaudi im Ehemaligengewand… oder so ähnlich…

[Hinweis: Dieser Eintrag entspringt einem kranken Verstand und zerstört sich hoffentlich in 10 Sekunden selbst, sollte es zu Verzögerungen kommen, besteht die Möglichkeit mit einem harten Gegenstand den Bildschirm zu zerschlagen, um den Mist nicht länger ertragen zu müssen. Reiner mag Fisch, ihm fehlt es nur an Fantasie.]

 

 

 

 

 

 

 

Zwölf

11. Mein Ich & ich, mein Sarkasmus, der nach billigem Komödianten stinkt, und die melancholische Erkenntnis eines Gescheiterten

“Mach das Beste daraus, mach es dir gemütlich”, scheint eine Stimme mir sagen zu wollen. Niemand spricht zu mir, ich spreche mit niemandem.

Allein zu sein hat auch was Gutes, man lernt sich selbst besser kennen, indem man Zeit mit sich verbringt, verbringen muss. Zeit, die nicht zu vergehen scheint. Zeit, die anscheinend niemand hat, niemand mit sich selbst verschwenden will.

Man selbst ist halt auch nicht der beste Umgang, ist man ehrlich zu sich selbst.

Menschen brauchen Gesellschaft, die meisten jedenfalls. Es gibt Ausnahmen, wie fast überall. Eigentlich bin ich gern allein, jetzt aber nicht, hier nicht. Ich muss erstmal die Realität vollständig verdrängen und  abhängen.

Vielleicht habe ich auch Angst mich kennenzulernen. Ich weiß nicht, was mich erwarten würde, weiß nicht wirklich, wer ich bin. Das ist wohl mein grundlegendes Problem. Wer kann mir darauf eine Antwort geben? Nur ich allein, im Beisein meines Ich’s.

Mein Ich kommt, wie vor wenigen Minuten ich selbst, hinter der orangefarbenen mit braunen Punkten verzierten Eck-/ Geschäftsbank hervor.

Ich habe mich seit des letzten Aufeinandertreffens äußerlich nicht verändert. Die gleichen ausdruckslosen Augen, der klotzig wirkende Kopf, die weiße, unreine Haut, der untrainierte Körper und die kralligen Fußnägel. Ein wenig Kot an der linken Wange ist dafür ausschlaggebend, dass ich über mich selbst schmunzeln muss (typisch, dieser Spast).

Dies lasse ich mir aber nicht anmerken. Von vornherein probiere ich jeglichen Konflikt im Keim zu ersticken: “Frieden!”

Mein Ich reagiert nicht auf mein Friedensangebot. Nochmals setze ich auf eine versöhnliche, friedliche Variante des Miteinanders und probiere den Disput somit prophylaktisch sowie kategorisch abzuwenden. Man bin ich gebildet. Mindestens oberes Unterschichtsniveau. Oder unteres Mittelschichtsniveau:

Frieden Alter, alles klar bei Dir?

Die Mittelschicht stirbt aus, komischer Weise werden dagegen keine Präventionen ergriffen. Es gibt keinen Masterplan, um das Bestehen der Mittelschicht zu sichern. Auch dürfen die wenigen noch vorhandenen Mittelschichtler willkürlich belangt werden. Ihre Zugehörigkeit wird in Frage gestellt, ihnen werden Steine in den Weg geräumt, sie müssen ums Überleben kämpfen. Was reimt sich auf Mittelschicht? Arschgesicht!

Ich denke ein Zuchtprogramm wie es in Zoologischen Gärten praktiziert wird, würde das Aussterben verhindern und den Bestand sichern.

Dazu müsste man nur erstmal genügend potentiell potente Mittelschichtler jagen, mit Betäubungspfeilen zur Vernunft bringen und in Käfige pferchen. Eine Kombination aus Kraftfutter, Vitaminen und genügend Auslauf, sowie Beschäftigungsangeboten ist dringend anzuraten, sollte der Bestand in Zukunft fortbestehen.

Der Kontakt und somit das Vertrauensverhältnis zum Pfleger ist immens wichtig.

Auch sollte das Pflegepersonal aus der Oberschicht kommen und wegen des Aspektes der dringlichen Wichtigkeit, königlich entlohnt werden, trotz niederer Arbeit im sozial- pflegerischen Bereich. Die Unterschicht könnte ja unterstützend unentgeltlich Hilfeleistung bieten.

Irgendwer muss ja die Drecksarbeit machen, nur vorübergehend, karitativ. Bis die Spezies sich einigermaßen erholt hat und die Elite sich wieder den höheren Aufgaben, für die sie bestimmt ist, widmen kann.

Versteht sich doch von selbst. Wir sind das Volk! Nun endlich beginnt mein Gegenüber zu sprechen: “Peace!“

Die Stimme ist klar und verständlich, sie klingt nach mir. Auch der Rhythmus, mit der die eher peinlichen Reime, während unseres ersten Aufeinandertreffens wiedergegeben wurden, ist glücklicherweise ad acta gelegt worden.

Eine neue Akte wird angelegt, wir beginnen von Null. Die Alte wird noch fünfzehn Jahre aufbewahrt, man kann ja nie wissen, danach standesgemäß geschreddert. Lang lebe mein Vaterland, lang lebe der Schriftverkehr, die Bürokratie. Alles hat seine Ordnung, sein Aktenzeichen. Nichts wird dem Schicksal überlassen, es gibt Regeln und Gesetze.

Man muss sie befolgen, dokumentieren und verwalten, möchte man keinen Unmut auf sich ziehen.

Ich war schon immer der geborene Bürokrat, stellte stets fristgerechte Anträge über geltende Ansprüche auf die ich, juristisch gesehen, keinen Anspruch hatte. Widersprüche jeglicher Art waren mein Hobby. Es kam auch schon vor, dass ich inmitten des bürokratischen Irrsinns, durchblickte.

Mir über meine Rechte im Klaren war, den Behörden sogar einen Schritt voraus eilte, um am Ende vom bürokratischen Apparat überrollt zu werden.

Das war eine glückliche Zeit, niemals wieder schenkte man mir solch eine Aufmerksamkeit. Ja widmete mir gar einen ganzen Sachbearbeiter, dieser kannte am Ende sogar meinen Namen und wir hatten ständigen Schriftverkehr miteinander.

Zwischenmenschliche Beziehungen und die Bürokratie funktionieren ähnlich, auch wenn bei den Mitteilungsformen jeweils andere Prioritäten gesetzt werden. Versprechungen musst du nicht zwingend schriftlich aufsetzen, mit Betreff, Datum und Unterschrift, obwohl dies vielleicht nicht unbedingt schlecht wäre.

In den Köpfen herrscht allgemeiner Kontrollwahn, hervorgerufen durch fehlendes Vertrauen in X als Variable. Ordnung ist der Soll- Zustand. Er kann durch die Exekutive: Regeleinhaltung sowie Kontrollausübung, die unter anderem Datenspeicherung und Aufbewahrung beinhaltet, erreicht werden. Herrscht Unordnung im Kopf, ist dies der erste Schritt aus dem Kreis.

Dem Kreis der Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die von funktionierenden Mitgliedern ausgeht. Nicht mit Defekten umgehen kann, sie am liebsten austauschen würde und darum probiert sie wegzusperren. Zu isolieren.

Im Gegensatz zu dem altersbedingten Ballast, dem Überbleibsel aus längst verdrängter Vergangenheit, welches aufgrund von früheren Verdiensten oder Missetaten, zusammengepfercht in so geschimpften karitativen Einrichtungen, wenigstens größtenteils noch die notwendige pflegerische Versorgungen erhält.

Manchmal wird sich, wenn das Klientel satt und sauber ist, sogar noch mit ihnen auseinander gesetzt. Hochbegabten Hochbetagten ist dies zu wenig, sie fordern Zuwendung, Anerkennung, staatlichen Aderlass.

Dem Defekten im besten Alter bleibt jedoch nur die Wiedereingliederung in den Kreis oder wenigstens an den Rand davon. Alle wollen teilhaben, viele wollen zu viel. Die im Mittelpunkt stehen, wollen stehen bleiben. Die die weit weg davon sind, finden keinen Weg zurück.

Menschen, die etwas ändern wollten, Prinzipien hatten, denken letztlich, sobald Macht im Spiel ist, nur an das eigene Wohl. Ausnahmen gibt es fast überall, nur viel zu wenig.

Wer scheitert muss sich aufrappeln, wer resigniert, verliert. Wer defekt ist muss repariert werden oder als wandelndes Wrack umherziehen, mit der ständigen Angst im Hinterkopf jederzeit liegenbleiben zu können. Es reicht einfach nicht, ein paar Schrauben festzuziehen.

Wann ist man defekt? Wenn man bestimmte Dinge hinterfragt? Wenn man das bürokratische System mit Füßen tritt, keine Steuern zahlen will, nicht seinen Beitrag leistet? Nicht realisierbare Idealvorstellungen hat, trotzdem probiert im Strudel, der über materielle Werte bestimmten Klassengesellschaft mitzuschwimmen, sich knapp über Wasser hält? Gerne aussteigen würde, absetzen vom Staatsross, aus Feigheit? Ja, ich bin ein Feigling. Das ist fast das Einzige, was ich ganz gewiss über mich sagen kann. Ändern wird sich so nichts. Andere müssen kämpfen, ich bin kein Kämpfer.

Ich bin leider nicht der Typ, der das Wort ergreift, es zu einer Waffe formt und in das Herz des Übels rammt, mitten in die Fressen der Unverbesserlichen. Den Nutten des Systems.

Ich müsste meine klaren Gedanken einmal aufschreiben, um ihnen nicht immer hinterher zu trauern, ohne mehr genau zu Wissen, was diese Gedanken überhaupt beinhalteten. Im Grunde bin ich ein typisches Verdrängungskind. Unzufriedenheit wird nicht im Kern bekämpft durch Ursachenforschung, Reflexion und harter Arbeit an sich selbst, sondern standesgemäß verdrängt, oft mit Hilfe körpereigener chemischer Reaktionen, die durch die Einnahme von gewissen (illegalen) Substanzen hervorgerufen werden können.

Dies gelingt nur teilweise, oft wird man eingeholt, es flasht einen, das Gehirn wird im wahrsten Sinne vergewaltigt. Die größte Unzufriedenheit, ist die Unzufriedenheit über sich selbst. Das gleicht einer Massenvergewaltigung der Synapsen. Meist probiert man durch andere, offensichtliche Benachteiligungen und Schikanen davon abzulenken, im Grunde  macht man aber nur anderen etwas vor, sich selbst nicht.

Das ist die Erkenntnis, diese gilt es zu verdrängen. Irgendwann ist man Spezialist seiner Zunft, die der Verdränger. Dann verdrängt man sogar, dass man verdrängt, kann aber letztlich diese ganz tief im Innern sitzende Unruhe nicht verdrängen. Nur Rauschweise. In klaren Momenten wie diesem, frag ich mich: Wer bin ich und warum bin ich wie ich bin? Bin ich wie ich bin oder mache ich mir nur etwas vor? Bin ich Schuld daran, wie ich bin und wie ich geworden bin? War ich mal anders, hab ich mich verändert? Bin ich liebenswert? Liebe ich mich selbst?   

Diese Aufnahme zeigt wie zuckersüß und lieblich die Welt doch sein kann. Ich kämpfe jedesmal mit den Tränen, wenn ich die zwei Muschiköpfe sehe. Ganz, ganz großes Kino!

Also ich Liebe dich, also mich, beziehungsweise dich und bewundere dich aus einem simplen, aber oft unterschätzten Grund: Du denkst nach, hinterfragst dich, bist kritisch, auch und vor allem dir selbst gegenüber, auch wenn du damit automatisch mich kritisierst. Ich liebe dich, darum bist du liebenswert und weil ich du bin, liebst du dich auch selbst.

Mein Ich baut mich emotional auf, genau so muss das sein.

“Warum hast du das letzte Mal so merkwürdige Dinge von dir gegeben und deine Stimme klang ganz anders?”, frage ich mich ganz kess.

“Es ist unangenehm, aber gut das du mich darauf ansprichst, ich werde ehrlich zu dir sein. Wäre ja auch quatsch, mich selbst zu belügen: Ich habe ein nicht ganz so klitzekleines Problem mit dem Konsum von Drogerieartikeln“, gibt mein Ich aufrichtig zu und ergänzt:

Drogerieartikel verändern einen, sogar die Wahrnehmung der Stimme.

“Tja mein Guter, dann solltest du wohl die Finger davon lassen“, erwidere ich altklug und muss aufgrund eines inneren Drucks, den ich nicht weiter erläutern möchte, hinzufügen: “Sex mit Plastikbällen ist subtil!”

“Ich weiß, du weißt, wir wissen es!”

Empört über soviel Gemeinsamkeiten und dem Gefühl gerade deshalb einen Fremden vor sich zu haben, der verschwörerisch heuchelt, einen nur in allem bestätigt, das wiedergibt was man hören möchte, werde ich konkret:

Wer verdammt bist du eigentlich, also wer bin ich, mein ich. Du als mein ich, weißt dies wohl am besten, würde ich meinen. Also wenn ich du wäre, also mein Ich, ich würde dies mir, also mir, gewiss sagen können, oder nicht? 

“Du willst also wissen, wer du bist? Wer ich bin. Ich bin du und du bist ich. Alles, was ich jetzt sage, muss nicht vorher zwingend objektiv betrachtet worden sein. Ich bin quasi befangen, ja persönlich betroffen, versteht sich. Also du bist nicht auf den Kopf gefallen, bist tiefgründig. Verfügst über eine gute Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Du besitzt soziale Kompetenzen, hast eine Meinung, äußerst diese nur zu selten. Du kannst geduldig sein, Dinge zu Ende zu bringen ist trotzdem nicht deine Stärke. Bei zuviel Stress schaltest du ab, wirst krank. Du kannst schlecht nein sagen, willst es allen recht machen. Du bist verdammt harmoniebedürftig. Kontakte zum sozialen Umfeld pflegst du eher schlecht als recht, geht es dir schlecht, lässt du es aber dein Umfeld wissen und spüren. Du besitzt Humor, kaum einer versteht ihn. Du hast einen Hang zum Extremen, vor allem in deinem Konsum, weißt nicht, wann Schluss ist. Schließe jetzt deine Augen, ich werde dich jetzt auf eine Reise begleiten, eine Reise in deinen Kopf, vertrau mir.” 

Mir wird mulmig, befinde ich mich nicht schon die ganze Geschichte über mehr oder weniger auf einer Reise in meinem Kopf? Bin ich verrückt? Logik ist anders. Ich führe die ganze Zeit über einen Dialog, müsste aber einen Monolog führen.

Bin ich schizophren? [schi·zo’phren] 1. (med.) an → Schizophrenie leidend, spaltungsirre 2. widersprüchlich, zwiespältig, absurd.

Oder einfach nur voll bescheuert? [be·scheu·ert] Adj; gespr!; 1. dumm, nicht sehr intelligent 2. unerfreulich <ein Vorfall, e-e Situation>.

Egal, ich schließe die Augen.