Acht

7. Träume sind nur was für Träumer

Das war vielleicht ein Knall, denk ich, und knabbere dabei unbemerkt an den Fußnägeln, während ein dahergelaufener Staatsdiener an meinen Wunden leckt.

Das kannst du laut sagen, Außenseiter!

Ich kann wieder hören, dreh mich um und sehe den etwas in Mitleidenschaft geratenen blau- weiß gestreiften Plastikball.

Nächstes Mal beim Atomaren- Kernspalten- Spielen solltest du auf meine Anwesenheit verzichten.

Musik unterbricht die belanglose Rede des Balls.

Leider ist sie urheberrechtlich geschützt und muss aus der Geschichte verbannt werden, wie so viel andere, tolle Musik. Schade, wirklich Schade, sie würde vieles schöner machen, zusätzlichen Ausdruck verleihen. Einige Passagen künstlerisch untermalen, das Geschriebene in den Hintergrund rücken lassen und durch den dadurch entstandenen Raum, das Lesen überhaupt, erst erträglich gestalten.

Ich verscheuche schnell den lästigen Staatsdiener mit einem gezielten Tritt, sodass er winselnd davon rennt und sein Häufchen auf Nachbars Grundstück verrichten muss.

Die Musik verstummt.

Ich schließe langsam die Augen, öffne sie wieder und sehe Dinge die weit über meiner Vorstellungskraft liegen. Dinge, die ich zu beschreiben nicht im Stande bin… und das liegt nicht an meiner Ausdrucksweise. Wirklich nicht.

Eine Art Endboss- Gefühl beschleicht mich. Rückt mir nicht mehr von der Pelle. Ich bin ganz aufgeregt und meine schwitzenden Hände beginnen unruhig zu wippen. Dabei wird heute doch kein Eintrag im Blöden Blogbuch erscheinen.

Es ist laut, es wird geredet, es wird geschrien. Ich halte mir die Ohren zu. Viele skurrile Gestalten tummeln sich vor der eingestürzten Höhle. Gestalten, die in meinen kühnsten Träumen keinen Platz hätten:

Rote, grüne, schwarze, gelbe, braune, karierte, gestreifte, runde, eckige, raue, glatte, stachelige, stinkende, ernste, lustige, hässliche, schöne, böse, gute, beschränkte, patriotische, liberale, soziale und viele mehr. Einige davon schlau und jede Menge davon dumm. Gestalten, die sich durch einen Aspekt ähneln. Dieser eine Aspekt macht sie zu Mitstreitern, Verschwörern, vielleicht sogar zu Brüdern.

Diesen einen, entscheidenden Aspekt, kenne ich nicht, fühle aber dessen Existenz. Es muss doch herauszufinden sein? Nochmals blicke ich in die Richtung, ein Vorgeschmack auf das, was mir bevor steht, was ich erleben werde, was mich an den Rand der Verzweiflung führen wird. Was läuft hier überhaupt?

Mir wird schwindelig, mein Gehirn kann die Bilder nicht verarbeiten und es wird dunkel- schwarz, vor den Augen des Außenseiters. Kurz zuvor meine ich den Ball noch etwas sagen zu hören:

Die Endlichkeit, es ist die Endlichkeit! Selbst Plastik zersetzt sich nach ein paar hundert Jährchen.

Vielleicht war es auch nur Einbildung. Diese jedenfalls existiert, ist vergänglich. Wie fast alles.

Ich fühle ein warmes schönes Gefühl auf meinen Wangen, es ähnelt dem Kitzeln der Regentropfen auf meiner nackten Haut. Nur nicht so intim und intensiv. Dieses großartige Gefühl, ich sehne mich danach, will es greifen, festhalten. Für immer spüren, dieses großartige Gefühl.

Ein matt- silberner Stecker versteckt sich in meinen Gefühlen, blockiert das Getriebe, macht alles kaputt. Ich öffne verärgert die Augen und erschrecke: Eine riesige, mit weißlichen Belägen überzogene Zunge, schleckt mir genüsslich übers Gesicht.

Aufstehen, Messer ziehen, zustechen, Zunge zerstückeln. Immer wieder zustechen, wie im Rausch: Die Zunge verblutet und ich bin voller warmer Blutspritzer, die wie nach einer heißen ausgiebigen Dusche, langsam meinen Körper hinunterlaufen. Adrenalin kickt mir in den Schädel. Die Zunge zappelt ein letztes Mal und stirbt einen ehrenvollen Heldentod.

Auf dem Grabstein steht geschrieben: Zunge musste qualvoll verrecken – Erst fragen, dann lecken! – Vorsicht vor dem Zungenbrecher.

Nur blöd, wenn man kein Messer dabei hat. Dann muss man eben diese Erniedrigung über sich ergehen lassen. Mit einer riesigen, feuchten Zunge ist nicht zu spaßen, jeder der einmal mit einer riesigen feuchten Zunge zu tun hatte, wird mir das bestätigen.

“Aus, Bruno!”, ruft das riesige Ohr neben mir.

Die Zunge hört auf das riesige Ohr. Hört auf mich zu lecken, zu misshandeln, zu schikanieren. Ich schaue mich genauer um. Links neben dem riesigen Ohr ist noch ein riesiges braunes Auge. Und daneben eine riesige, mit Sommersprossen übersäte Nase. Diese kommt zur Sache:

Ich bin Ken, das neben mir ist Reiner und das daneben Keiner. Mit Bruno hast du ja bereits Bekanntschaft gemacht!

Lautes röhrendes Gelächter ertönt von allen Seiten. Ich überlege kurz und fasse zusammen:

Ken- Reiner Keiner ist doch das beschissene Pseudonym unter dem ich vor habe, große, literarische Ergüsse über die Einheit Mensch zu ergießen. Sobald ich einen Eimer voll Talent getrunken habe, um ihn tragischer Weise direkt danach wieder auszuscheiden, aus meiner lyrischen Scheide. Scheidet mit dem Talent auch das Hirngespinst. Von Rändern in Gewändern umgeben von Scheidenwänden und lüsternen Lenden, vollenden sie mit ihren Händen den Ausbruch. Sind frei, außer Rand und Band, Randbemerkung: Abgebrannt, total am Ende! Eingliederung erfolgt, KLICK, STÖRUNG BEHOBEN, Einheit Mensch repariert, weiter im Kopf:

Bruno hört sich nach französischer Raubkatze mit äußerst fragwürdigen wissenschaftlichen Absichten an. Ich hasse ihn schon jetzt! 

Wir sind, wie man zweifellos sieht, verkleidete Schönheitschirurgen.

Wieder lautes donnerndes Gelächter: “HA HA HA HA HA!“

Ich lache höflich mit, bin von mir und meinem Umfeld leicht irritiert. Ein wenig Angst habe ich auch, spüre Beklommenheit, die macht sich breit.

“Ey Außenseiter, komm mal ganz nah zu mir heran, ich muss dir etwas wichtiges erzählen”, erklärt das riesige Ohr auf einmal erschreckend ernsthaft. Ich gehe ein paar Schritte auf das Ohr zu und lausche gespannt:

Ein leises pfeifendes Geräusch ertönt aus der Ohrmuschel. Übelriechender Gestank breitet sich aus. Ich muss mir die Nase zuhalten, die riesige Sommersprossennase muss sich rümpfen und erzählt verschmitzt:

Wer sich den ganzen Tag soviel Scheiße anhören muss, darf auch mal etwas Dampf ablassen. Oberflächliches Gerede ist schließlich unterirdisch und abstoßend.

Lautes, wiederum röhrendes Gelächter, ertönt.

„Dabei ist wohl eines der Brustimplantate geplatzt.“

Höfliches Gelächter aller Beteiligten folgt auf meinen lustig gemeinten Einwand. Von der gelockerten Stimmung angezogen laufe ich übermütig auf das riesige Auge zu und beginne zu Schielen, dabei rufe ich herausfordernd:

“Na, kannst du das auch oder fehlt dir dazu jemand?”

Kein Gelächter, stattdessen fragt das Auge gespannt:

”Was ist denn los, habe ich was verpasst?”

Das Ohr schaut mich entsetzt an, soweit man das bei einem Ohr mit höchstens einem Hühnerauge, ohne Auge- Auge, sagen kann.

Ich bin irritiert, die Körperteile beginnen sich in Bewegung zu setzen, laufen an mir vorüber, würdigen mich keines Blickes mehr und verschwinden langsam aus meinem Sichtfeld. Zurück bleibe ich, immer noch sehr irritiert von der ganzen Situation, von mir selbst und meinem Umfeld.

“Das Auge ist blind, außerdem hat es seinen Zwillingsbruder vor kurzem, bei einer Verwechslung während eines Golfturniers verloren”, höre ich eine Stimme sprechen. Ich dreh mich um, sehe den inzwischen mir vertrauten Plastikball und hebe ihn behutsam auf. Nichts passiert, er lässt mir meinen Willen, ich beginne zu rennen.

Etwas ist hinter mir, es packt mich, will mich runterziehen. Ich renne weiter, ohne mich umzuschauen, einfach gerade aus, ziellos, planlos, hoffnungslos, arbeitslos. Ohne Perspektive, Selbstzweifel quälen mich bei jedem Schritt. Meine Gedanken  bereiten mir Kummer, Selbstmitleid ist mein ständiger Begleiter, ich werde ihn einfach nicht los. Ich muss schneller rennen.

Meine Füße schmerzen, meine Lunge ist kurz davor zu kollabieren. Ich probiere diese plötzlichen, negativen Gefühle, die Herz und Hirn belasten, abzuschütteln. Positive Gedanken, ich brauche sofort eine Dröhnung reiner, ungestreckter, positiver Gedanken.

Stell dir etwas positives vor, sei dabei nicht egoistisch, denk nicht nur an dich, denk auch an die anderen.

Die Roten, grünen, schwarzen, gelben, braunen, karierten, gestreiften, runden, eckigen, rauen, glatten, stacheligen, stinkenden, ernsten, lustigen, hässlichen, schönen, bösen, guten, beschränkten, patriotischen, liberalen, sozialen, schlauen und auch ein bisschen an die beachtliche Menge an dummen Gestalten die es zweifellos auf der Erde gibt.

Denk an etwas Banales, Kitschiges, etwas total Unrealistisches. Mit dem niemand rechnet: Weltfrieden!

Ich werde langsamer, jogge, laufe, komme zum Stehen. Atme tief ein und aus, das Herzklopfen wird zu einem regelmäßigen und ruhigen Pochen, das intensive Körpergefühl tut gut, ich lebe, die schlechten Gedanken sind vorerst verflogen.

Ich wache auf. Ein Traum, alles war nur ein schlechter Traum. Erleichterung, alles nicht echt, nicht wirklich. Unwirklich.

Los Außenseiter, geh mit mir, sei mein Gefährte, ich kenn da einen Ort, fantastisch, sag ich dir. Den muss ich dir unbedingt zeigen. Reich mir deine Flosse, du krankes Miststück!

Bei dieser Aufnahme wurden Stunt- Doubles eingesetzt. Wegen der hohen Kosten, kann es im weiteren Velauf der Geschichte zu qualitätseinbußen kommen.

Ich atme tief durch, die Realität hat mich wieder eingeholt. Auf den Plastikball wird gehört, fantastische Orte sind mir nur recht, Hauptsache dem tristen Alltag entfliehen. Es gibt soviel zu entdecken. Wie Flecken auf Schnecken oder Kerne in kernlosen Trauben. Was ist nur los mit mir?

Einige Zeit rollt Dance vor mir her, ich folge ihm. Um uns herum, nichts Besonderes. Nichts der Rede Wertes.

“Sind wir schon da?“, nerve ich Papa- Schlumpf, nein, den Ball.

“Noch nicht, es dauert seine Zeit, denn zwischen fantastischen Orten sind immer Puffer mit herkömmlichen, langweiligen Orten. Sonst wären die fantastischen Orte ja nichts Besonderes.” Es folgt sekundenlange Schwelgerei.

“Du, Dance, ich hatte vorhin einen Traum…”

Träume sind beschissen, die kann man nicht kontrollieren. Ich träume nie, ist nur unkontrollierte Zeitverschwendung, nichts für mich. Träume sind nur was für Träumer.

Kurze Zeit später hört der Ball auf zu rollen, kommt zum Stehen. “Wir sind da! Diesen Ort nennt man ‘Imperio de los árboles‘… was soviel heißt wie…” Ich höre ihm längst nicht mehr zu, beobachte verträumt den Himmel. …“Reich der Bäume.”