Drei

2. Regenerguss

Draußen regnet es, der Himmel ist mit Wolken verhangen, großen und grauen Wolken. Geformt aus luftverschmutzten, trüben, Aussichten. Durch das Scheinen der Sonne bilden sich einzeln kleine, helle Lichtblicke inmitten der dicken Wolkendecke. Der Wind weht nicht. Die Blätter der Bäume bewegen sich lediglich durch das Raufprasseln der Regentropfen. Alles wirkt trotzdem so lebendig, aber nicht wirklich, unwirklich.

Ich muss hier raus, sofort. Schuhe an, T-Shirt aus, raus. Die Regentropfen fühlen sich warm und schön auf dem nackten Oberkörper an. Sie kitzeln beim Herunterlaufen. Ein insgesamt liebevolles, ja, zärtliches Gefühl. Vereinzelt sind Menschen unterwegs, sie machen schnelle und hastige Bewegungen, probieren mit dem angenehmen Nass nicht in Berührung zu kommen. Mit Regenschirmen bewaffnet stapfen sie lautlos durch den Matsch, umgehen gekonnt die Pfützen und schleichen mit gesenkten Köpfen aneinander vorbei. In dunkle Mäntel gehüllt scheinen sie aus einer anderen Welt entsprungen zu sein, nicht aus meiner Welt…

Ich schließe die Augen, lass mich drauf ein, lasse geschehen die sanfte Verführung, genieße, bis zur Ekstase. Es regnet ununterbrochen. Zur Wiese lauf ich mit schnellen Schritten, gepackt vom Augenblick und verwirrt zugleich. Die Lust an der Lust treibt mich zu Höchstleistungen. Angekommen streif ich ab all meinen unnötigen Ballast, lasse mich fallen, gebe mich hin, der Ekstase. Ich wälze mich in diesem satten Grün, die Regentropfen liebkosen meinen Körper.

Das Liebesspiel erstreckt sich über mehrere Minuten, dabei schließe ich die Augen und wünsche mir die Verschmelzung der sich Liebenden. Auf das wir uns vereinen. Für lange, lange Zeit. Mein Verstand in einer Art Zustand der zutiefst erregten Isolation und machtloser Hingabe, während der Körper zum Spielball wird. Der Regen, die Tropfen, so zart die Berührung, so stark die Reaktion darauf. Meine Reaktion, nur meine, auf die Berührungen, die zarten, ach so zarten, liebevollen Berührungen. Die Stimulation nähert sich dem Höhepunkt, bis dieser sich, von Innen geballt, mit einem Mal explosionsartig über Körper und Seele entlädt, nein ergießt. Auf dem Höhepunkt angelangt: Inne halten, rasten, so lange es geht und noch ein wenig länger, komplett auskosten, diesen Zustand. Dieses Gefühl, ich kann‘s nicht greifen, es gehört mir nicht, wird mir nur für eine gewisse Zeit geliehen. Es kommt und geht, diesmal bleibt es sehr lange zu Besuch und verschwindet dann heimlich durch die Hintertür. Hinter ihr wacht leider niemand, um es aufzuhalten, dieses fulminante Gefühl.

Diese Aufnahme wurde nachträglich manipuliert, denn eigentlich bin ich übertrieben am Grinsen.

 Tief im Innern nun:

Glückseeligkeit. Die Emotionen überwältigend: Pitschnass und mit einem breiten Grinsen im Gesicht fange ich an zu weinen. Es geht mir gut, all die Anspannung, all der Druck, welcher unwissentlich in mir schlummerte, fällt von mir ab. Direkt vor meine Füße. Mit einem harten Tritt entledige ich mich ihrer, spüre aber, dass sie früher oder später wieder angekrochen kommen werden, um mich zu holen. Völlig losgelöst und im Einklang mit mir selbst bemerke ich die Gegenwart meines Ich’s. Direkt vor mir, nackt, genau wie ich. Ich bin ganz anders als ich es mir vorgestellt habe:

Ernst, gekennzeichnet durch einen strengen Gesichtsausdruck. Sorgenfalten auf der Stirn, sowie die L- förmige Narbe, die mir einst ein böser und mächtiger Zauberwürfel zugefügt hat (als ich noch ein Baby war). Ein etwas hässliches Gesicht ziert den großen, unförmigen und klotzig wirkenden Kopf. Der Körper ist steif und untrainiert. Die Haut blass und unrein. Lange, spitze Fußnägel, die an Krallen eines Raubtieres erinnern, sind mit den haarigen Zehen verbunden. Am meisten jedoch erschrecke ich mich vor den Augen, meinen Augen. Nicht das sie sich in Farbe oder Form verändert hätten. Nein, der Glanz in ihnen fehlt. Sie sind Matt, wie unlackiertes Holz. Dadurch wirken sie leer und hohl, Ausdruckslos, ja sogar leblos. Die Augen von einem Fisch strahlen mehr Persönlichkeit aus.

Es fröstelt mich. Der Regen hat nachgelassen. Die Wärme weicht langsam aus meinem Körper. Ohne mit den Wimpern zu zucken, schaut mir mein Ich, direkt ins Gesicht. Ich halte seinem Blick stand, von Angesicht zu Angesicht stehen wir uns nun gegenüber.

Langsam, als ob Zeit keine Rolle spiele, öffnet mein Gegenüber den Mund. Eine Stimme, tief und kratzig, jedoch unerwartet rhythmisch, redet auf mich ein:

„Hallo du, oder sollte ich hallo ich sagen? Fragen über Fragen, niemals werd ich verzagen. Mein Freund das wirst du niemals sein, nein, nein, nein, nein, nein!“

Darauf bin ich nicht vorbereitet, trotzdem erwidere ich prompt:

Anfang der Achtziger geboren, so wie du, verloren, in der Großstadt. Schachmatt. Im Hinterhof sind die Kinder los. Gemeinschaft, Leidenschaft, schafft Brücken, verbindet, gibt Kraft. Dann umgezogen, nach Hochhaushausen, wo Flachpfeifen hausen und Protzautos sausen. Macht mürbe im Hirn, als Kind, könnt schwör’ n bin verlor‘ n, für immer im Sumpf des Stumpfsinns. Sinnlos das Leben bis hierhin. Gelange an den Punkt, an dem mir nichts mehr einfällt, außer Scheinwelt. Mich die Freundschaft am Ende wieder rausholt, fast verkohlt. Entzündet neue Energie in mir, darum steh ich letztlich hier vor dir! Stille.

Mein Ich scheint zu überlegen. Dabei verzieht es das Gesicht zu einer Fratze, lässt die Zunge heraushängen und verdreht die Augen. Auf mich wirkt dies lächerlich. Andere würden wohl von dem Anblick Angst bekommen, verrückt werden, oder wie es in der Großstadt üblich ist: Den Blick abwenden, sich in Luft auflösen, den Gegenüber ignorieren. Sich hinter der Zeitung verkriechen und die Atmung einstellen, oder es gar nicht erst mitzubekommen, gebannt blickend, auf das smarte Blinkblink– hab- dich- am- Arsch- Ding.

Endlich, nach einer mir nicht nachvollziehbaren, langen Pause des Schweigens, öffnet mein Ich langsam den Mund. Voller Erwartung und einem unerklärlichen Gefühl der Hoffnung höre ich gespannt zu:

Was du sagst ist nicht korrekt du bist mir voll suspekt.

Kaum hat mein Ich ausgesprochen, denk ich noch kurz, dass dies wohl auf Gegenseitigkeit beruht und strecke mein Pendant mit einem harten, gezielten Schlag in Richtung Klotzkopf, nieder.

Als ich aufwache schmerzt meine rechte Gesichtshälfte. Die Oberlippe fühlt sich angeschwollen an und ich habe den Geschmack von Blut auf der Zunge. Was für ein Lauch denk ich, dem hab ich’s aber gegeben, probier‘ mich zu sammeln, schaffe es nicht und probiere es erneut.

Der Regen hat bereits gänzlich aufgehört. Die Wiese riecht wie frisch gemäht nach diesem kräftigen Erguss. Es ist grandios, sich umblicken zu können und auf einer duftenden, wunderschönen, saftigen Wiese zu sein, eingeschlossen von Häusern, der Stadt. Nein, keine gewöhnliche Wiese, sondern eine Oase, eine grüne wunderbar duftende Oase, voller Schönheit, voller Anmut. Um mich herum die Wüste, soweit das Auge reicht…