Elf

10. Der hellwache Löwe

Schritte nähern sich, schnelle, hastige Schritte. Vibration, dumpfe Vibration auf dem Flokatiteppich. Die Fransen bewegen sich, wippen gleichmäßig auf und ab. Vorsicht ist geboten, Ausschau muss gehalten werden:

Oben, unten, rechts, links, vor mir, hinter mir. Zuerst erschrecken! Und dann, nach einer kurzen Phase der ungewollten Gliederstarre, blitzschnell hinter einem olivgrünen Sofa mit roten, blauen und gelben Blümchen bestickt, in Deckung gehen.

Adrenalin bildet sich merkbar in meinem Körper, das Herz rast: Pok ,Pok, Pok, Pok. Ich traue mich nicht, heimlich hinter dem Sofa kauernd,  nach der in kürze eintreffenden Gefahr zu spähen. Trau mich dann schließlich doch und sehe einen stattlichen Löwen, der aufrecht gehend gradewegs auf mein Versteck zukommt.

“Mach das weg”, kommt es aus mir heraus geschossen. Der Ball verhält sich wie ein Ball und zeigt keine Reaktion. Direkt vor dem olivgrünfarbenen Sofa bleibt der Löwe stehen. Beschämt und verängstigt richte ich mich auf, stehe nun vor ihm.

Der Löwe trägt eine riesige ovale Sonnenbrille mit auffallend goldener Fassung auf seiner Schnauze. Die Augen sind nicht zu erkennen.

Außerdem trägt er schwarze Sneakers, eine braune Cargohose mit ausreichend Taschen zum verstauen von MDMA und anderen Amphetaminen, sowie altersschwachen Kondomen, die er nie zu benutzen gedenkt, da er viel zu cool für Geschlechts- oder Autoimmunerkrankungen ist (ja, das ist er!) und Kinder immer nur die anderen kriegen und das mit Sicherheit nicht vom Sex, sondern aus Blödheit!

Außerdem ist er kastriert, doch dazu im Verlauf der Geschichte mehr. Er trägt ein mit deutlicher Absicht eine Nummer zu klein gekauftes, weinrotes Hemd mit mehreren weißen, im Zickzack verlaufenen Querstreifen. Das Hemd trägt er offen, die Ärmel umgekrempelt. Dazu  ein Lederhalsband mit einer Sonne aus roh geschliffenem Edelstahl, welche bei jedem Schritt gleichmäßig wackelt. All dies sieht so souverän aus, als wäre es das normalste der Welt, einen etwas abgedrehten, jedoch stilsicheren Löwen vor sich stehen zu haben. Ja, er steht vor mir und seine Mähne wippt dabei lässig im Wind.

Mein Heldenkostüm sieht dagegen lächerlich aus, lässt mich nackt aussehen. Der äußerst cool aussehende Löwe, seiner Zeit ein wenig hinten vorneweg,  beginnt mit mir zu sprechen. Beim Öffnen seines Mauls kommt eine feste Zahnspange zum Vorschein, welche die weißen, spitzen Zähne zusammenhält. Ein matt- silberner Stecker seines zügellosen Zungenpiercings steckt mitten in der riesigen, mit weißlichen Belägen überzogenen, Zunge. Ende im Gelände.

Einen Augenblick lang muss ich Inne halten, verwerfe aber gleich wieder meine Gedanken. Der Löwe spricht, seinen vorausgegangenen Bewegungen angepasst, schnell und hastig.

Die Tonlage der Stimme ist irgendwo zwischen dem Quietschen beim Bremsen von älteren Zügen und dem Geräusch vom Abschleifen eines Zahnes. Dazu dieses vibrierende Dröhnen. Einfach schmerzhaft. Oben drauf kommt ein schon beim ersten Ton nervtötender französischer Akzent:

Müdigkeit, die Lider hängen herunter, man kriegt die Augen nicht richtig auf. Die Extremitäten besudelt mit Exkrementen. Geht man von Extremen aus, denkt darüber nach,  ist es auch noch so abwegig, beginnt ein neuer Tag. Es sei denn Realität und Träumerei vermischen sich, können nicht auseinander gehalten werden, werden eins. Ein und das selbe, verstehen sie? Tagträumer, Daydreamer – surreales Verhalten. Gegenstände werden verwechselt. Haben sie sich schon einmal mit einem Trockenrasierer die Zähne geputzt? Eine sehr meditative Erfahrung sag ich ihnen, müssen sie ausprobieren. Gestörte Denkprozesse, die Welt erleben aus der Sicht eines Schlaganfallpatienten ohne dazugehöriges Krankheitsbild, völlig beschwerdefrei. Neurotransmitter, Synapsen, Gehirnstränge, psychodelische Musik. Trance. Eine Schallplatte im Ofen. Verstehen sie worauf ich hinaus will…?

Miss Gabbat ich liebe dich“, sage ich total perplex. “Pizza!” Führt die Nervensäge fort…

Ich sag es mal so oder so, oder umgekehrt. Wie sie es gern hätten. Freie Wahlen. Kennen sie das? Ganz tolle Erfahrung, zwanglos. Niemand, der einem die Wahl abnimmt oder abkauft, hähä. Eigene Entscheidung, nicht wie beim Scheißen, wo man früher oder später nachgibt, oder die Reste aus der Hose kratzen muss. Haben sie schon mal ‘Ich Kacke aus Jux und Tollerei in die Ecke’ gespielt? Großartig. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Schlafentzug. Oder sollte ich stetig anhaltender Halbschlaf sagen?  Wie auch immer, ich zahl auch drauf. Wie viel macht das? Richtig. 24 Stunden am Tag, sieben mal die Woche. Nichts geht verloren, nicht eine Sekunde. Keine einzige.

Ich bin beeindruckt, geht man im Geiste jede Möglichkeit durch, jemanden umzubringen, bedenkt dabei Abläufe und geht jedes noch so winzige Detail durch, blendet man automatisch nach einer gewissen Zeit die Geräusche der unmittelbaren Umgebung aus.

Und mit ausblenden ist abschalten gemeint. Ein Geniestreich, wissenschaftlich wohl nicht zu erklären.

Alte, frustrierte Ehemänner, die ihre Frau lieben, aber denen ihr ständig wiederholendes lüstern- lästerndes Gerede über andere Menschen wie Nachbarn, Freunde und die Familie, zum Hals heraus hängt und die lieber vom genervten Lustmolch zum Pornostar avancieren, dabei die Ehefrau zum Lustobjekt degradieren, würden, würden ihre Freude haben.

Zum stillen Lustobjekt, die höchstens beim Sexualakt stöhnender Weise Laute von sich gibt.

Diese spezielle Zielgruppe, die der alten und frustrierten Ehemänner, würde mir für diese Technik der Stressbewältigung den Nobelpreis verleihen. Den Friedensnobelpreis, für ein menschenwürdigeres, friedvolleres Zusammenleben, nach so vielen Ehejahren. Von der Zielgruppe sitzen bestimmt genügend im Komitee.

Danach würde ich, zurecht, für diese sexistische Erfindung, ins Gefängnis wandern und der Friedensnobelpreis zurück nach Stockholm, wo sich die alten und frustrierten Ehemänner gehörig was anhören könnten, von ihren Ehefrauen. Zurecht.

Der hellwache Löwe hält sein Maul, scheint fertig gequietscht zu haben. Nun kann er sich vom Acker machen, Leine ziehen, hingehen, wo der Pfeffer wächst.

Na, wo wächst er denn, der Pfeffer?

…Er fängt wieder an…

Dance, stopf ihm bitte sein Maul!

Diese Aufnahme zeigt eindrucksvoll, wie viel Spaß wir abseits der Geschichte miteinander hatten. Eine tolle Zeit.

Kurze Zeit später, Zeit zum Träumen, zum Dösen, Zeit zum Überbrücken, Verschwenden, Innehalten und Durchschnauben, denke ich über meine Träume nach. Welche Träume habe ich und was wird die Zukunft bringen?   

Lohnt es sich heutzutage überhaupt noch zu träumen?

Ich schließe die Augen, seufze und öffne sie einige Sekunden später. Der Löwe mit der nervigen Stimme ist weg. Hat sich vom Acker gemacht, hat Leine gezogen, ist hingegangen, wo der Pfeffer wächst.

Plötzlich wird mir drückender Weise etwas bewusst: Ich muss mal ganz dringend aufs Klo, also entledige ich mich von den blähenden Reststoffen, dem Mist, der Scheiße, kauernd hinter einer orangefarbenen, mit braunen Punkten versehenden Eckbank.

Sauber mache ich mich mit einer 3-lagigen Rolle aus Illusionen.

Als ich wieder hinter der Geschäftsbank hervorkomme, ist der Ball verschwunden. Hinter zig Sitzmöglichkeiten suche ich ihn, finde jedoch keinen blau- weiß gestreiften Plastikball. Beim Namen rufe ich ihn, bekomme aber keine Antwort. Niemand weit und breit. Ich bin allein, einsam, inmitten dieser kitschigen Umgebung. Scheiße, verdammte!