Fünf

4. Kontaktaufnahme

„Aufwachen, aufwachen!”, weckt mich ein klares Stimmchen. Die Augen zu öffnen und eine Spielzeugpuppe mit rosa Kleidchen und lila Schleife im pinken Haar zu sehen, ist nicht jedermanns Sache. Erst recht nicht, wenn sie versucht mit einem zu kommunizieren. Ich muss hysterisch Aufschreien. Eine Art Echo ertönt. Kosmisch.

Die Puppe scheint unbeeindruckt. Sie hält einen gestreiften Plastikball in ihren Händen. Einen blau- weiß gestreiften Plastikball. Ich frage verdutzt: “Wer bist du?” Die Puppe antwortet, ohne ihren aufgemalten Mund zu bewegen, mit einem nichtssagenden Ausdruck auf ihrem Gesicht:

“Ich bin Dance, Steuermann. Und wer bist du, und was ist deine Berufung?”

Ich sage die Wahrheit, geht man davon aus, dass ich aus einer alternativen Zukunft komme und Schwachsinn erzähle:

Ich bin ein außerirdischer Außenseiter. Jener tollkühne, der der Wüste die Stirn bot. Bin quasi ein frei anschaffender Künstler, dem künstliche Intelligenz injiziert wurde, nachdem das LED zu leuchten anfing,  in der 44. Minute.

Eine äußerst präzise Antwort, wie ich finde. Die Puppe wiederholt: “Außenseiter, der im Sand gespielt hat, das hört sich nicht gerade spektakulär an. Ein gewöhnliches Individuum mehr an diesem außergewöhnlichen Ort.” Mein Blick wendet sich von der Puppe ab und ich betrachte meine nähere Umgebung.

Wohl wahr ein außergewöhnlicher Ort: Ich befinde mich inmitten einer Art riesigen Höhle aus gelblichem Gestein. Es ist hell, eine Lichtquelle sehe ich nicht. Trotzdem ist alles gleichmäßig beleuchtet. An den Wänden hängen unzählige Poster. Riesige Poster. Auf ihnen allen: Deine Mutter, in all ihren Facetten. Sie posiert in schrillen Kostümen und ich habe fast den Eindruck, als ob sie mich von allen Seiten beobachten würde. Ein bizarrer Anblick.

Endlich gewinne ich die Fassung und protestiere:

Gar nicht wahr! Ich bin nicht alltäglich, ich bin etwas Besonderes. Die Wüste hab ich durchquert, ihr getrotzt und diesen fantastischen Ort gefunden. Außerdem hab ich mich im Faustkampf besiegt! Aber warum rege ich mich eigentlich so auf, wenn eine sprechende Puppe, namens Dance, mich beleidigt? Das ist ja lächerlich.

Langsam fängt die Puppe an zu zittern. Anfänglich ein leichtes kaum zu sehendes Vibrieren bis es immer stärker wird und schließlich einer Waschmaschine im Schleudergang gleichkommt. Die pinken Haare der Puppe qualmen, entzünden sich, brennen lichterloh. Alles geht so schnell. Der Kopf, der Rumpf mitsamt dem rosa Kleidchen. Die Arme und schließlich auch die Beine schmelzen wahrhaftig dahin. Es stinkt nach verbranntem Plastik. Übrig bleibt ein schwarzer Klumpen. Ich bin verdutzt.

“Na, beeindruckt?” Ertönt das Stimmchen der vollständig lädierten Puppe.

“Das war doch nicht nötig“, erwidere ich, “suizidale Handlungen entsprechen nicht meinen Überzeugungen, im Klartext: Ich steh da nicht drauf, so etwas macht man nicht, und wenn, was ich persönlich nicht gutheißen kann, dann allein im stillen Kämmerchen, aber…”

Die Stimme unterbricht mich: “Du Narr, hier bin ich!” Der blau- weiß gestreifte Plastikball, den ich bei dem Spektakel völlig außer Acht gelassen habe und der der Puppe, oder was davon übrig geblieben ist, während des Dahinschmelzens aus den Händen geglitten ist, rollt langsam auf mich zu.

Ich bin Dance und ich habe die Macht!

Es folgen instinktive Abläufe in Bruchteilen von Sekunden: Zwei Schritte Anlauf, Ziel anvisieren, kurzes zögerliches Zögern und schließlich ein satter Schuss mit dem Vollspann. Im weiten Bogen fliegt der Ball davon. Ein dumpfes ‘PLOP’ signalisiert mir, obwohl nicht mehr in meinem Blickfeld, dass er irgendwo gelandet sein muss. Fußball war schon immer meine große Leidenschaft, besonders in der Jugend.

Auf wundersame Weise weht Wehmut zu mir hinüber, lässt mich bibbern. Was mach ich hier überhaupt? Komme mir vor wie auf Drogerieartikeln. Mir ist kalt, ich bin nackt, die Wärme und Liebe der Regentropfen fehlen mir.

Sehnsucht kommt in mir auf. Dieses Gefühl des Verlangens, dass befriedigt werden möchte, schnellstmöglich. Auf der anderen Seite bin ich ein sehr neugieriger Mensch und dieser Ort hier ist, ohne Frage, sehr interessant, auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, dass deine Mutter mich von allen Seiten anstarrt. Pervers. Irgendwie.

Aber halt, was bewegt sich da? Es ist der pyromanische Ball, der langsam auf mich zurollt.

“Verschwinde, mir ist nicht nach Ballspielen!”, schreie ich. Eine Art Echo ertönt: “!neleipsllaB hcan thcin tsi rim ,edniwhcsreV” Ich bin verwirrt. Was will mir dieser Ort nur sagen, war das klingonisch? Und warum hängt deine Mutter hier überall herum?

“Er will dir gar nichts sagen”, fängt der Ball an zu sprechen.

Diesen Ort hier nennt man ‘al Revez‘, was spanisch ist und so viel heißt wie umgekehrt. Oder so ähnlich. Es geschehen hier einige Dinge nicht richtig herum, sondern genau anders herum. So wie das Echo gerade. Andere Dinge wiederum sind richtig herum. Das macht diesen Ort so außergewöhnlich. Logik ist hier offenbar nicht anwendbar.  Und wer verdammt noch mal ist deine Mutter?

“Faszinierend”, kommt es aus mir herausgeschossen. “Du kannst ja meine Gedanken lesen, Ball!”

Nochmals betrachte ich die vielen, großen und absonderlichen Poster. Bei genauerem Betrachten entpuppt sich deine Mutter als meine Mutter, was seelisch nicht gerade aufmunternd für mich ist.

 “Du Vollidiot!”, schreit der Ball aus Leibeskräften. “!toidilloV uD”, antwortet das Echo prompt. “Willst du mich zum Narren halten? Der Narr bist ohne Frage du: Aber halt, was bewegt sich da?“, äfft der Ball mich nach, “es ist der pyromanische Ball, der langsam auf mich zurollt.“ Er spricht laut und deutlich, während er dabei die Silben unnötig in die Länge zieht, damit es sich noch lächerlicher anhört.

“Ich verfüge über ein sehr gutes Gehör, ansonsten könnte ich dein leises Nuscheln gar nicht verstehen.” Der Ball unterbricht seine Rede. Schließlich redet er mit normaler Tonlage weiter:

 “Eigentlich müsste ich mächtig wütend auf dich sein, nachdem du mich mit deinem rechten Fuß angegriffen hast. Das war eine kriegerische Handlung voller Heimtücke. Vergeltung ist die einzig vernünftige Konsequenz. Allerdings scheinst du an Verwirrtheit zu leiden, da werde ich mal gnädig sein. Hat der nackte, vor sich hinbrabbelnde Herr, zufällig ein klitzekleines Problem mit Drogerieartikeln?”

Ich leide nicht an Verwirrtheit, auch wenn ich im Moment ziemlich verwirrt bin und Drogerieartikel nehme ich nur im großen Stil!

Wütend, wie ein Kleinkind, das nicht verstehen mag warum die vorbildliche Mutter den geforderten Fruchtsaft nicht in das geliebte Nuckelfläschen gießt, sondern nur Wasser und zuckerfreien Tee und mit dem Argumenten „Karies“ oder „Das ist schlecht für die Zähne und deinen Kiefer“ nichts anfangen kann, renne ich trotzig zum Ball und trete ihn erneut mit voller Wucht von mir weg. Das hat er nun davon. Wäre ich ein Ball, würde ich nicht so frech sein, zu jemandem der viel von Ballsportarten hält. Wiederum ist es der Ball, der langsam auf mich zurollt.

Totales Black- out. Ich weiß nicht was geschehen ist. Der Ball ist in meinen Händen, mein Körper gehorcht mir nicht mehr. Taubheitsgefühle überall, trotzdem bewege ich mich. Aber eigentlich bin nicht ich es, der mich bewegt:

Auf einem Bein hüpfen, die Zunge aus dem Mund strecken, sie nach links, dann nach rechts und wieder nach links bewegen. So etwas mache ich im Normalfall nicht, es ist der blöde Ball, der mich bewegt. Völlig machtlos muss ich ihn agieren lassen, während er mich Kniebeugen machen lässt und mich im Kreis dreht, bis mir schwindelig wird. Die ganze Zeit über ist dieser sadistische Ball in meinen Händen und schweigt. Er benimmt sich dabei wie eine beleidigte Leberwurst, die auf Rache aus ist. Mit mir als Schachfigur, als blöder Bauer. Ich fühle mich gedemütigt. Wie eine nackte Witzfigur führt er mich mir selbst vor.

Gnade, hab doch Erbarmen mit mir!

Komisch, reden kann ich, mehr anscheinend nicht. Plötzlich verspüre ich einen brennenden Kopfschmerz. Er beißt und sticht, bahnt sich den Weg durch die Kopfhaut bis er schließlich das Zentrum erreicht. Das ganze Nervensystem ist betroffen. Der Schmerz nimmt stetig zu bis er fast unerträglich wird und dann schon wieder vorbei ist, als wäre er nie da gewesen.

Ich spüre meinen Körper, kann ihn kontrollieren, bewegen. Erleichterung. Der Ball liegt neben mir, ich springe mit einem Satz von ihm weg. Er rührt sich nicht.

“Wer oder was bist du?”, frage ich ihn eingeschüchtert.

Ich bin Dance, der Steuermann, wie ich bereits anfangs sagte. Wie du gerade am eigenen Leib mitbekommen hast, kann ich Dinge mit meiner Psyche steuern. Küchengeräte, Kinderspielzeug, Musikinstrumente, atomare Sprengsätze, Langstreckenraketen, Wasserstoffbomben aber besonders gut lebendige Wesen. Das lebendige Wesen warst in diesem Fall du! Auch wenn du abgestumpfter und schwerer von Begriff bist als eine kultivierte Kübelpflanze.

Langsam gewinne ich die Fassung und damit verbunden auch meinen Sarkasmus (was wäre ich nur ohne dich?) wieder: “Dance klingt irgendwie nicht wirklich nach einem blau- weiß gestreiften Plastikball, der die Weltherrschaft an sich reißen möchte. Haben deine Eltern dir diesen Namen gegeben, Pogesicht?”

“Nein!”, ertönt die prompte Antwort, “Sie haben mich Ball0815 genannt, das ist meine Registriernummer, jedenfalls ein Teil davon. Aber mir ist schnell klar geworden, dass ich kein gewöhnlicher Ball bin, sondern der einzig wahre Ball bin, der Ball! Und weil es im Deutschen kein Wort dafür gibt, habe ich im Englischwörterbuch nachgeschaut. Dort bin ich auf Dance gestoßen und seither nennt man mich auch so. Und das ist auch gut so.”

Mir ist nicht klar, ob dieser bescheuerte Ball mich verarschen will. Soll ich laut loslachen oder ihm erklären, dass es einen riesigen Unterschied zwischen einem Ball und einem Ball gibt? Scheint wohl keine besonders helle Leuchte zu sein, der Gute. Sollte mal LED ausprobieren, das leuchtet hell und wird nicht heiß.

Ich kann dich hören Außenseiter, vergessen? Du bist echt ein komischer, mit sich selbst sprechender, Vollidiot. Warum bist du eigentlich nackt? Zieh dir was über, das ist ja echt abgedreht.

“Ich habe und ich brauche auch nichts zum Überziehen! Ein Erlebnis rein und vollkommen, sinnlich, nur ich und es regnete. Nenne mich ruhig weiterhin Außenseiter, aber nur weil ich eines der letzten Geschöpfe bin, das keinen dunklen Mantel trägt, also im Normalfall, wenn ich nicht nackig bin, ähm“…

Der Ball unterbricht mich und hüpft aufgeregt auf und ab:

“Er hat es mit dem Regen getan!” Kurz darauf lautes Gelächter: “Ha, Ha, Ha, Ha kurze PauseHa, Ha, Ha”. Das Echo verhöhnt mich ebenso: “Ah, Ah, Ah, Ahkurze PauseAh, Ah, Ah”.

Mein Kopf läuft rot an, ich bin peinlich berührt, der Ball und das Echo stellen mich bloß. Es kann mir egal sein, ist es aber nicht. Da hilft nur die Augen zu schließen und darauf zu hoffen, nicht gesehen zu werden.

“Dein Blutdruck ist ziemlich hoch, Casanova. Ich kann dich beruhigen, du bist nicht der Erste. Der Regen ist ein nimmersattes Biest.”

Nun reicht es. Aus Liebe wird Hass, aus Schmach wird Zorn. Ich bin wütend. Außerdem sind wir hier nicht im Kindergarten oder der Grundschule.

“Was brabbelst du wieder, Außenseiter?” Ich schreie: “Sei leise, du blöder blau- weiß gestreifter, mordlustiger Plastikball, der sich völlig zu Unrecht Dance nennt und keine Ahnung vom Tuten und Blasen hat.”

Das Echo schweigt, der Ball jammert: “Woher weißt du das mit dem Tuten und Blasen? Ich habe es doch niemandem erzählt.” Er führt fort: ”Als ich noch ein kleiner Ball war, haben sich alle anderen Plastikbälle über mich lustig gemacht…” Tränen fließen an dem blank- schimmernden Plastik herunter.

Die Stimme ist zittrig:

Auf einem Mittwinterhorn einen langgezogenen Ton zu spielen und danach ein männliches Geschlechtsorgan in den Mund zu nehmen, um daran zu lutschen, hat Tradition bei uns Plastikbällen. Ich aber kann das nicht, ich will das auch nicht können. Das ist einfach nur stupide und erniedrigend. Nur weil ich zu neunzig Prozent aus Luft bestehe, heißt das noch lange nicht, dass ich alles mitmache und gar nichts hinterfrage…

Diese Aufnahme zeigt instinktives Verhalten von Plastikbällen. Eine Verbildlichung anderer Verhaltensweisen ist ausdrücklich Verboten. 

Ich bin schockiert. Was für eine perverse, abgedrehte (und sexistische?) Scheiße geht denn hier ab? Und wie viel Wahrheit kann in einem Sprichwort stecken? Ich probiere den Ball zu beruhigen:

Dance, hast du schon einmal daran gedacht anders zu sein? Von der Norm eines herkömmlichen Plastikballs abzuweichen. Reiner Außenseiter zu sein? Daran ist doch nichts verwerflich. Mit Sicherheit gibt es unter euch Plastikbällen Gleichgesinnte, die ähnliche Neigungen oder Abneigungen haben.

Die Höhle grummelt verlegen. Fremdschäm -Modus aktiviert. “Schweig still!”, erwidert Dance, überraschend gelassen.

Ich bin einzigartig. Niemand ist so wie ich!