Neun

8. Die Nacht der fallenden Bäume

Es dämmert bereits am Horizont und die Luft wird kühler. Nebel zieht auf. Der Tag nähert sich dem Ende. Selbst an fantastischen Orten wie diesen bleibt die Zeit nicht stehen.

Mir ist kalt, ich will etwas zum Anziehen haben und ein Bett zum Schlafen. Ich schaue mich nach einem geeignetem Schlafplatz um. Um mich herum große, violett schimmernde Felsen, einige üppig mit Blättern behangene Bäume, deren Stämme sich gewaltig voneinander unterscheiden.

Während einer von ihnen sehr stabil wirkt, dick und hochgewachsen ist, kommt ein anderer eher klein und schmächtig daher, wiederum ein anderer ist von der Wurzel aufwärts, breit und kräftig, verläuft dann aber immer schmaler bis er nach einigen Metern ein jähes mickriges Ende findet, an dem dann überraschend viele Blätter haften.

Ich habe sogar den Eindruck, dass an den eher schwächeren, dünneren Baumstämmen im Endeffekt viel mehr Blätter sind, als an den breiten und starken.

“Was ist denn mit den Baumstämmen los, warum unterscheiden sie sich so extrem?”, frage ich in Richtung des Balls.

Der Ball schweigt. Noch etwas fällt mir auf. Die Baumstämme haben unterschiedliche Farben und doch haben sie ohne Frage den gleichen Ursprung. Die Farben sind auch nicht eindeutig getrennt, sie vermischen sich. Ja, verblüffend, während ich sie betrachte, vermischen sie sich. Ein Baum jedoch sticht dabei heraus. Er ist dunkel, fast schwarz, sehr dürr und wirkt zerbrechlich. An ihm hängen aber augenscheinlich die meisten Blätter. Er wirkt krank, verliert viele Blätter. Sie liegen tonnenweise vor ihm auf dem Boden.

“Das sind keine Baumstämme“, ertönt die Stimme des Plastikballs.

Es sind Stammbäume! Wir sollten uns jetzt schleunigst nach einem Platz zum Schlafen umschauen, bevor wir hier noch in Konflikte geraten, die uns nichts angehen.

“Niemand gerät hier in irgendetwas“, antworte ich ohne nachzudenken. “Stammbäume, das ist ja albern…Du solltest ein Buch schreiben über die Sprachentwicklung bei Plastikbällen, oder sollte ich besser über die Unterentwicklung sagen?” 

Der Ball rollt langsam auf mich zu. Bevor er mich erreicht, beginnen die Bäume sich zu bewegen. Erst sind es die Äste, die sich scheinbar strecken, recken, rekeln, wie nach einer ausgiebigen Ruhephase, einem langen Schlaf. Danach, wie selbstverständlich, reißen die Wurzeln aus dem Boden und die Bäume bewegen sich in meine Richtung.

Dabei tänzeln die Wurzeln wahrhaftig über den Boden. Äußerst elegant, geradezu graziös. Die Stämme, trotz ihres Gewichtes, berühren den Boden, nicht.

“Scheiße”, höre ich den Ball rufen, der wie paralysiert neben mir zum Stillstand kommt. Die Bäume kreisen uns ein, es gibt kein Entrinnen.

“Wer oder was seid ihr?”, ertönt eine hohe, knirschende Stimme. Dabei bewegen sich die Blätter eines, wenn nicht des gewaltigsten, Baumes, direkt vor mir.

“Wir sind nur zwei kleine unbedeutende Reisende, die sich, wenn euer Gnaden erlauben, direkt wieder in Richtung Unbedeutsamkeit aufmachen werden“, erwidert Dance, voller hörbarer Erfurcht.

Das ihr zwei kleine, nicht erwähnenswerte Witzfiguren seit, ist mir schon klar, aber was habt ihr in meinem Reich verloren? Wollt ihr etwa den banalen Krieg?

Ohne Zeit zum Antworten einzuräumen, fügt der gewaltige Baum mit seiner hohen, knirschenden Stimme hinzu:

Zwei kahle, fleischige Stämme die zu einem dicken werden, um unsinniger weise wieder auseinander zu gehen. Eine rundliche äußerst armselige Krone bepflanzt mit einem Pelz, der dem eines Eichhörnchens ähnelt. Kein einziges Blatt, beschämend. Und dann dieses Geschwulst zwischen den aufeinandertreffenden Stämmen, dieses hängende Etwas, ekelhaft. Ich hoffe doch das ist keine Frucht, nein unmöglich. So etwas ordinäres. Widerlich.

Die beleidigenden Worte kränken mich. Der Baum verachtet mich, er kennt mich nicht, urteilt über mein Aussehen, wo ich doch stets Achtung und Respekt der Natur gegenüber gezeigt habe, ohne Vorurteile. Und ein Baum gehört zur Natur, ist sozusagen Natur pur. Wut steigt in mir auf:

Du dummer, hohler, zukünftiger Stuhl mit asozial- banalem Gedankengut (bzw. Gedankenschlecht), sollen dich die Holzwürmer fressen. Und was habt ihr nur den armen Nadelbäumen angetan?

Die Worte scheinen Wirkung zu hinterlassen. Der Baum ist sprachlos, kaum zu glauben, der scheinbar starke, stolze und redselige Baum, schweigt.

Die anderen Bäume hingegen flüstern miteinander, es wird fleißig getuschelt. Ich verstehe nicht, was gesagt wird, es interessiert mich auch nicht. Habe ich mir doch Luft gemacht, habe ausgesprochen was sich niemand getraut hat, niemand, außer mir.  

„Zer- mahlt sollt ihr werden, genau wie diese Nadelbaumwichser,  zermahlt diese Missgeburten!“, quietscht die hörbar erregte Stimme des stolzen Baumes völlig verzerrt daher und überschlägt sich dabei mehrere Male, unter frenetischem Applaus einiger Zirkusblattläuse, die zufällig in der Gegend sind.

Niemand der anwesenden Bäume folgt der Anweisung des Oberbaums, nein im Gegenteil. Es scheint, meine Aussage hat eine gewisse Dynamik unter den Bäumen entfacht. Es bilden sich Grüppchen, Parolen werden gerufen, Forderungen gestellt. Flugblätter fliegen durch die Lüfte.

Der gewaltige Baum verliert scheinbar die Kontrolle über sein Volk, nur noch wenige andere Bäume hat er auf seiner Seite. Diese positionieren sich dafür klar zu ihm. Es sind dicke, gepflegte, meist konservative Bäume, die anscheinend schon immer von ihm profitierten.

Privilegien genossen, wie genügend Wasser und Dünger. Einen sonnigen, zur Mittagszeit, schattigen Stehplatz. Die gezüchteten Marienkäfer waren nur für sie bestimmt, während die Bäume ohne Privilegien von Blattläusen und anderen Schädlingen geplagt wurden. Monatlich frische Erde bekamen ausschließlich die Privilegierten.

Dies soll sich nun ändern, hört man die Versprechungen der Rebellenführer, auf den Flugblättern steht es geschrieben:

Fetten Baum umhauen! Danach umschauen und Platz klauen!

Die rebellischen Bäume sind augenscheinlich viel schwächer, haben dünne, kranke Baumstämme. Aber sie sind mehr, viel mehr. Sie sind eindeutig in der Überzahl. Sie wollen Gleichheit, nicht nur auf dem Papier im dazugehörigen Gesetzestext, sondern wirkliche Gleichheit und die damit verbundene Gleichstellung in der Gesellschaft. Außerdem verdammt noch mal Gerechtigkeit, viele Blätter brauchen auch viel Pflege und einen starken Stamm, der sie trägt. Revolution!

Unter den Rebellengruppierungen herrscht fürs erste Einigung darüber, was zu tun ist, was unumgänglich ist. Krieg. Bis zur völligen Ausrottung der Obrigkeit. Der Stammbaum soll nicht länger die Herkunft und soziale Stellung innerhalb der Gesellschaft symbolisieren. Die Stammbäume sollen zukünftig keine Rolle mehr bei der Integration in die Gesellschaft haben. Die Gesellschaft wird also folgerichtig abgeschafft, es gibt keine Struktur, keine Regeln mehr. Anarchie kommt nicht in Frage, es lebe die Einsamkeit. Es lebe die Isolation! Das braucht die Generation…

Jeder Baum für sich, auf niemanden wird Rücksicht genommen, keiner wird benachteiligt. Die Gesellschaft hat ausgedient, ihre Existenz ist fortan unnötig.

Doch Zuvor Krieg, erbarmungsloser, völlig sinnvoller, Krieg.

Inmitten des Tumults laufe ich unbemerkt durch die Baumbrigarden, den Soldaten aus Holz, hindurch, in Deckung, hinter einem riesigen violett schimmernden Felsen. Der Ball rollt hinter mir her. Der Krieg hat begonnen. Spenden werden angenommen.

Es ist ein schrecklicher Krieg, verlustreich auf beiden Seiten, mehrere tausend zivile Opfer, darunter Käfer, Raupen und anderes Kriechgetier. Zwei Rotkehlchen, beim Brüten (besonders tragisch), drei Eichhörnchen und ein Maulwurf der zur falschen Zeit am falschen Ort war, sowie die Zirkusblattläuse.

Sie werden auch zu Kriegsopfern. Ihre zerfetzten Leichenteile können Tage später nicht mehr von den Angehörigen zugeordnet werden und verschwinden in einem eigens ausgehobenen Massengrab, an dem sich direkt Marienkäfer zu schaffen machen. Auf Druck der Bevölkerung, die es Tagelang aus Protest auf die Straße zieht, wird der Zirkus daraufhin zwei kurze Statements abgeben: „Die Show muss weitergehen!“ Und: „Blattläuse braucht niemand!“

Ungeachtet der Allgemeinheit gibt es im Krieg auch Opfer, denen niemand gedenkt: Ein vollbrünstiger Staatsdiener zusammen mit einer Kreuzung aus Biene und Hummel, die gerade, geschützt vor neugierigen Blicken, inmitten des Waldes ungeschützt miteinander intim wurden. Noch ineinander verkantet fanden sie gemeinsam den romantischen Tod. Endlich müssen sie sich nicht mehr verstecken, mit dem Brechen ihrer Brustkörbe brach auch das Tabu. Herzzerreißend, dieses Kleinod, inmitten der Grausamkeit des Krieges.

Derweil schlagen sich die Bäume mit ihren Ästen gegenseitig die Äste ab, sie knallen mit den Baumstämmen gegeneinander, das Geräusch von brechendem und splitterndem Holz ertönt. Wieder und wieder. Viele dünne, schmächtige Baumstämme reiben sich, scheinbar ohne Wirkung zu erzielen, an dem ehemaligen Führer der Bäume, auf. Sie zerbrechen wie Streichhölzer zwischen den Fingern. Wurzeln und Äste knacken, Blätter fallen, Erde fliegt durch die Luft. Der Mond scheint.

Ein entsetzlicher Anblick, vor allem für Gärtner und Förster. Ich wende mich von der Schlacht ab, denk an meinen Traum: Weltfrieden ist nur eine Illusion. Soweit wird es nie kommen.

Irgendwo wird immer jemand mit irgendwem Krieg führen. Es wird immer welche geben, die andere unterdrücken. Friedliche Lösungen sind die Ausnahme. Der, der die Macht hat, gibt sie freiwillig nicht mehr her.

Während meine Gedanken immer weiter ins negative abdriften, geht die Schlacht in die entscheidende Phase.

Nur unterbewusst nehme ich von ihr Notiz. Dumpf, unklar, verschwommen, wie den laufenden Fernseher, den man im Augenwinkel sieht, während die Aufmerksamkeit einem anderen Bildschirm gehört und nebenbei laute Musik, die die totale Besudelung, die totale Zudröhnung der Sinne, perfekt macht. Überreizung nennt ich dieses flutartige Phänomen, die Schotten werden dicht gemacht. Den Zustand, indem ich mich nun befinde, kann ich getrost mit einer Art Trance vergleichen.

Einem Dämmerzustand der zwischen Bewusstsein und Willenlosigkeit liegt. Alles spielt sich vor meinen Augen ab, ich bekomme nichts mit, fast nichts. Wie unter Hypnose, nur kann ich mich danach daran erinnern, hoffe ich jedenfalls. Auch beeinflusst niemand Konkretes meinen Willen.

Ein ohrenbetäubendes Knacken holt mich wieder zurück, zurück in die Gegenwart, in die Schlacht. Der Anführer ist tot. Sein Stamm brach in zwei, Harz tritt aus seinem Leichnam. Wenige Bäume realisieren dies, kämpfen weiter, töten weiter. Wie im Rausch.

Am Ende humpeln schließlich einige wenige vom Schlachtfeld, dabei schleifen ihre Wurzeln am Boden entlang, knacken bei jeder Bewegung, können teilweise die Last der Baumstämme nicht mehr bewältigen, sind wohl verloren: Stammbaum ausgelöscht.

Abseits der Aufnahme musste der Plastikball von einem Seelsorger betreut werden.

Die frühere Eleganz der über den Boden tänzelnden Bäume ist fortan Geschichte. Sie haben überlebt, aber zu welchem Preis? Die Schlacht ist geschlagen, es gab nur Verlierer. 

Die Nacht hat ein Ende, Morgengrauen.