#10 Plastik

Blödes Blogbuch,

ich bin Reiner, Außenseiter aus Leidenschaft. Wer kennt ihn nicht? Diesen einen Typen, der anders ist als die Anderen. Der die Gurke beim Discounter kauft, weil das Plastik, mit dem die Gurke eingepackt ist, so gut schmeckt. Der den Lolli lutscht, ohne ihn auszuwickeln. Das Bonbon widerum auswickelt, um es im gelben Sack verschwinden zu lassen und auf dem Plastik zu kauen (kosmisch, dass es immer noch Bonbonpapier heißt).

Eine Märchenwelt in der wir leben, wo es keine Verbrennungsanlagen und kein Klärwerk gibt und wo die Hunde sich von ihren eigenen Haufen ernähren.

Dadurch zu Zombie- Hunden werden, die das CO2 mit ihrem genverändertem Darmtrakt einfach wegfurzen können und sich mit Katzen paaren. Und mit ihren Herrchen, ihren Zombie- Herrchen, da tollen sie herum. Kacken zusammen auf die Gehwege, ohne Plastiktüte auf Tasche, nur mit großer Fresse (und großem Appetit).

Braucht der bekloppte Außenseiter Aufmerksamkeit? Fame? So ein verschissenes Wort im übrigen, Trollkinder führen Kriege wegen diesem Begriff, während wir alten Säcke/ -innen mal wieder Probleme mit dem Durchblick haben. Dafür haben wir Ehre und einen Führerschein.

Oder ist Reiner etwa ein durchgedrehter Ökoterrorist? Es wäre ihm zuzutrauen. Aber nein, Reiner Außenseiter ist einfach anders als die Anderen. Das muss man nicht verstehen, echt nicht.

Er kackt die Wand an, aus Prinzip und wegen der Linsensuppe, die schon ein paar Tage zuviel auf dem Buckel hatte.

Überhaupt kann er momentan kaum einen Satz schreiben, ohne dass darin Fäkalien schwimmen, trotzdem spielt er den seriösen Umweltbeschützer und Besserversteher (als die Anderen).

    Warum tut er das?  –  Aus Langeweile und weil er darf-das.de

Den Stuhl voll Plastik zur Probe geben, um auf den Verpackungsirrsinn hinzuweisen, während ihm die Langeweile aus der Nase hängt, das ist Reiner. Ich bin Reiner, ordinär und imaginär.

  Damit macht er sich unbeliebt.  –  Damit macht er sich zum Außenseiter.

Auf dem Monitor wird es angezeigt: Akute Mobbing- Gefahr! Stopp, hier wird nicht gemobbt!

Ich wühle und bohre in der Nase, bis mir die Langeweile in den Händen klebt. Schlurfend und leckend verschwindet sie dann im Mund und rutscht mir die Speiseröhre hinunter bis in den Magen. Dort zersetzt sich die Langeweile in Lange und Weile und weilt dabei lange in mir, bevor sie mit dem Plastik zusammen an der Wand landet. Der Linsensuppe sei Dank.

Danach wird getrennt: Scheiße, Plastik, Lange und Weile. Wer würde dabei nicht in schönen Gedanken schwelgen?

Aus dem Plastik im Kot könnte ich mir einen Freund formen. Ein ballartiges Geschöpf, mit dem ich fantastische Dinge erlebe. Dieses Geschöpf könnte das Blöde Blogbuch kontrollieren, mit seiner krassen Kontrollkraft, wenn er das nicht schon längst tut…

Wenn er nicht schon jetzt vorgibt Reiner Außenseiter zu sein und der echte, einzig wahre, längst heimlich beseitigt wurde. Der Leichnam treibt vielleicht bereits seit Wochen aufgedunsen im örtlichen Klärwerk.

Wasser ist Leben.

Auch die Welt könnte dieses äußerst gerissene ballartige Geschöpf probieren an sich zu reißen, wäre es auf Dauer belustigend und nicht so furchtbar nervig und kompliziert in allen Ecken und Kreisen.

Schleichwerbung schlich drei Absätze zuvor heimlich durch das Dokument im HTML- Format. Eingepackt in Plastik. Umgeben von Scheiße.

Genug vom Plastik. Alternativ könnte man ja eine Art geformte Kunst aus Erdöl erfinden. Synthetisch oder halb- synthetisch hergestellte Festkörper die dann beispielsweise einen Verwendungszweck im Bereich der Verpackungsindustrie haben würden. Das wäre eine bahnbrechende zukunftsorientierte Geschäftsidee, von der sich die Weltmeere bestimmt nicht erholen werden.

Natürlich lässt sich dann darauf prima herumkauen oder lutschen. Oder man schluckt diese „Kunst“ herunter und wühlt danach in seiner Scheiße danach.

„Alles noch da. Es gab keine Verluste!“

Natürlich macht man das dann nur für Fame und andere bescheuerte Begrifflichkeiten, die sich die verkackte Troll- Gesellschaft ausdenkt, um die Langeweile aus den vielen Millionen Därmen zu pressen.

Man kann auch den lieben langen Tag nur Serien gucken, ein bisschen in sozialen Netzen wettern, sich Junkfood mit extra fett Käse zum Abendbrot in die Mikrowelle schieben und ein wenig auf dem smarten Minicomputer tippen. Dann ist man sicher kein Außenseiter, sondern voll gesellschaftstauglich. Das sollte zu denken geben… Sollte man dazu noch in der Lage sein, bei soviel Serien- Kopfsalat.

Die Einheit Mensch wird getrieben. Nackt und unbeholfen wird sie über die Plattformen gejagt. Vom übermässigen Medienangebot überwältigt, sodass es zu Überforderung / Überflutung kommt, zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung. In den anderen Teilen herrscht Not und Kummer.

Eine Katastrophe: Überhaupt nicht vorhersehbar, das Frühwarnsystem hat versagt. Verheerende Folgen in der Gesellschaft: Es wird einfach so weiter gemacht und die Fehler werden in der Nachbetrachtung erkannt und analysiert, denn:

Fehler machen nur die Fehlerhaften. Die, die es zu nichts bringen in der Gesellschaft. Die außen vor sind und dem Wahn nicht folgen. Die einfach nicht Fame sein wollen und in jedem Scheißhaufen nur Plastik finden. Im Speziellen ist natürlich Reiner Außenseiter gemeint, dieser voll bekackte Freak, der immer übertreiben muss!

Und so existieren wir weiter in der Matrix. Versinken dabei im Plastik und glotzen auf zig Bildschirme gleichzeitig. Kacken zwischendurch die Wand an und werden völlig Banane, die ausnahmsweise nicht in Plastik eingepackt ist.

Dabei wollen wir doch nur Fame sein und nicht so vergänglich wie Bio, oder außen vor, wie Reiner, sondern erhalten bleiben, wie Plastik. Einen bleibenen Eindruck hinterlassen in dieser schnelllebigen Welt…

Und kein kleiner verfickter Außenseiter- Mutant kann uns davon abhalten, mit seinem altklugen Dreck, den er auf den Bildschirm rotzt und dabei seine kleinen, stinkenden Eier krault…

Die er vorher noch aus der Frischhaltefolie wickelt, um sie gänzlich in den Mund zu nehmen. Alles nur wegen Fame, denn was ist sonst schon von Bedeutung in dieser verrückten Gesellschaft? Wo ein Leben ohne Plastik fast unmöglich geworden ist und ein kleiner verfickter Außenseiter- Mutant solch vulgäre Texte raushaut, um dann keinen Raum für nette Kommentare zu bieten. So ein Arsch!

Zitat: Die Kommentarfunktion ist das, was Öffentlichkeit ausmacht.

Frage: Zitat, bist du jeck? Kriegst gleich Nacken!

Es ist aber möglich Kommentare analog zu verschicken, einfach seinen Beitrag gut leserlich mit einem permanenten Marker unter den Hinweis schreiben und im Anschluss direkt einen IQ- Test machen. Vielen herzlichen Dank!

[Hinweis: Dieser Eintrag besteht nicht aus erneuerbarer Nachhaltigkeit]

 

 

 

Neun

8. Die Nacht der fallenden Bäume

Es dämmert bereits am Horizont und die Luft wird kühler. Nebel zieht auf. Der Tag nähert sich dem Ende. Selbst an fantastischen Orten wie diesen bleibt die Zeit nicht stehen.

Mir ist kalt, ich will etwas zum Anziehen haben und ein Bett zum Schlafen. Ich schaue mich nach einem geeignetem Schlafplatz um. Um mich herum große, violett schimmernde Felsen, einige üppig mit Blättern behangene Bäume, deren Stämme sich gewaltig voneinander unterscheiden.

Während einer von ihnen sehr stabil wirkt, dick und hochgewachsen ist, kommt ein anderer eher klein und schmächtig daher, wiederum ein anderer ist von der Wurzel aufwärts, breit und kräftig, verläuft dann aber immer schmaler bis er nach einigen Metern ein jähes mickriges Ende findet, an dem dann überraschend viele Blätter haften.

Ich habe sogar den Eindruck, dass an den eher schwächeren, dünneren Baumstämmen im Endeffekt viel mehr Blätter sind, als an den breiten und starken.

“Was ist denn mit den Baumstämmen los, warum unterscheiden sie sich so extrem?”, frage ich in Richtung des Balls.

Der Ball schweigt. Noch etwas fällt mir auf. Die Baumstämme haben unterschiedliche Farben und doch haben sie ohne Frage den gleichen Ursprung. Die Farben sind auch nicht eindeutig getrennt, sie vermischen sich. Ja, verblüffend, während ich sie betrachte, vermischen sie sich. Ein Baum jedoch sticht dabei heraus. Er ist dunkel, fast schwarz, sehr dürr und wirkt zerbrechlich. An ihm hängen aber augenscheinlich die meisten Blätter. Er wirkt krank, verliert viele Blätter. Sie liegen tonnenweise vor ihm auf dem Boden.

“Das sind keine Baumstämme“, ertönt die Stimme des Plastikballs.

Es sind Stammbäume! Wir sollten uns jetzt schleunigst nach einem Platz zum Schlafen umschauen, bevor wir hier noch in Konflikte geraten, die uns nichts angehen.

“Niemand gerät hier in irgendetwas“, antworte ich ohne nachzudenken. “Stammbäume, das ist ja albern…Du solltest ein Buch schreiben über die Sprachentwicklung bei Plastikbällen, oder sollte ich besser über die Unterentwicklung sagen?” 

Der Ball rollt langsam auf mich zu. Bevor er mich erreicht, beginnen die Bäume sich zu bewegen. Erst sind es die Äste, die sich scheinbar strecken, recken, rekeln, wie nach einer ausgiebigen Ruhephase, einem langen Schlaf. Danach, wie selbstverständlich, reißen die Wurzeln aus dem Boden und die Bäume bewegen sich in meine Richtung.

Dabei tänzeln die Wurzeln wahrhaftig über den Boden. Äußerst elegant, geradezu graziös. Die Stämme, trotz ihres Gewichtes, berühren den Boden, nicht.

“Scheiße”, höre ich den Ball rufen, der wie paralysiert neben mir zum Stillstand kommt. Die Bäume kreisen uns ein, es gibt kein Entrinnen.

“Wer oder was seid ihr?”, ertönt eine hohe, knirschende Stimme. Dabei bewegen sich die Blätter eines, wenn nicht des gewaltigsten, Baumes, direkt vor mir.

“Wir sind nur zwei kleine unbedeutende Reisende, die sich, wenn euer Gnaden erlauben, direkt wieder in Richtung Unbedeutsamkeit aufmachen werden“, erwidert Dance, voller hörbarer Erfurcht.

Das ihr zwei kleine, nicht erwähnenswerte Witzfiguren seit, ist mir schon klar, aber was habt ihr in meinem Reich verloren? Wollt ihr etwa den banalen Krieg?

Ohne Zeit zum Antworten einzuräumen, fügt der gewaltige Baum mit seiner hohen, knirschenden Stimme hinzu:

Zwei kahle, fleischige Stämme die zu einem dicken werden, um unsinniger weise wieder auseinander zu gehen. Eine rundliche äußerst armselige Krone bepflanzt mit einem Pelz, der dem eines Eichhörnchens ähnelt. Kein einziges Blatt, beschämend. Und dann dieses Geschwulst zwischen den aufeinandertreffenden Stämmen, dieses hängende Etwas, ekelhaft. Ich hoffe doch das ist keine Frucht, nein unmöglich. So etwas ordinäres. Widerlich.

Die beleidigenden Worte kränken mich. Der Baum verachtet mich, er kennt mich nicht, urteilt über mein Aussehen, wo ich doch stets Achtung und Respekt der Natur gegenüber gezeigt habe, ohne Vorurteile. Und ein Baum gehört zur Natur, ist sozusagen Natur pur. Wut steigt in mir auf:

Du dummer, hohler, zukünftiger Stuhl mit asozial- banalem Gedankengut (bzw. Gedankenschlecht), sollen dich die Holzwürmer fressen. Und was habt ihr nur den armen Nadelbäumen angetan?

Die Worte scheinen Wirkung zu hinterlassen. Der Baum ist sprachlos, kaum zu glauben, der scheinbar starke, stolze und redselige Baum, schweigt.

Die anderen Bäume hingegen flüstern miteinander, es wird fleißig getuschelt. Ich verstehe nicht, was gesagt wird, es interessiert mich auch nicht. Habe ich mir doch Luft gemacht, habe ausgesprochen was sich niemand getraut hat, niemand, außer mir.  

„Zer- mahlt sollt ihr werden, genau wie diese Nadelbaumwichser,  zermahlt diese Missgeburten!“, quietscht die hörbar erregte Stimme des stolzen Baumes völlig verzerrt daher und überschlägt sich dabei mehrere Male, unter frenetischem Applaus einiger Zirkusblattläuse, die zufällig in der Gegend sind.

Niemand der anwesenden Bäume folgt der Anweisung des Oberbaums, nein im Gegenteil. Es scheint, meine Aussage hat eine gewisse Dynamik unter den Bäumen entfacht. Es bilden sich Grüppchen, Parolen werden gerufen, Forderungen gestellt. Flugblätter fliegen durch die Lüfte.

Der gewaltige Baum verliert scheinbar die Kontrolle über sein Volk, nur noch wenige andere Bäume hat er auf seiner Seite. Diese positionieren sich dafür klar zu ihm. Es sind dicke, gepflegte, meist konservative Bäume, die anscheinend schon immer von ihm profitierten.

Privilegien genossen, wie genügend Wasser und Dünger. Einen sonnigen, zur Mittagszeit, schattigen Stehplatz. Die gezüchteten Marienkäfer waren nur für sie bestimmt, während die Bäume ohne Privilegien von Blattläusen und anderen Schädlingen geplagt wurden. Monatlich frische Erde bekamen ausschließlich die Privilegierten.

Dies soll sich nun ändern, hört man die Versprechungen der Rebellenführer, auf den Flugblättern steht es geschrieben:

Fetten Baum umhauen! Danach umschauen und Platz klauen!

Die rebellischen Bäume sind augenscheinlich viel schwächer, haben dünne, kranke Baumstämme. Aber sie sind mehr, viel mehr. Sie sind eindeutig in der Überzahl. Sie wollen Gleichheit, nicht nur auf dem Papier im dazugehörigen Gesetzestext, sondern wirkliche Gleichheit und die damit verbundene Gleichstellung in der Gesellschaft. Außerdem verdammt noch mal Gerechtigkeit, viele Blätter brauchen auch viel Pflege und einen starken Stamm, der sie trägt. Revolution!

Unter den Rebellengruppierungen herrscht fürs erste Einigung darüber, was zu tun ist, was unumgänglich ist. Krieg. Bis zur völligen Ausrottung der Obrigkeit. Der Stammbaum soll nicht länger die Herkunft und soziale Stellung innerhalb der Gesellschaft symbolisieren. Die Stammbäume sollen zukünftig keine Rolle mehr bei der Integration in die Gesellschaft haben. Die Gesellschaft wird also folgerichtig abgeschafft, es gibt keine Struktur, keine Regeln mehr. Anarchie kommt nicht in Frage, es lebe die Einsamkeit. Es lebe die Isolation! Das braucht die Generation…

Jeder Baum für sich, auf niemanden wird Rücksicht genommen, keiner wird benachteiligt. Die Gesellschaft hat ausgedient, ihre Existenz ist fortan unnötig.

Doch Zuvor Krieg, erbarmungsloser, völlig sinnvoller, Krieg.

Inmitten des Tumults laufe ich unbemerkt durch die Baumbrigarden, den Soldaten aus Holz, hindurch, in Deckung, hinter einem riesigen violett schimmernden Felsen. Der Ball rollt hinter mir her. Der Krieg hat begonnen. Spenden werden angenommen.

Es ist ein schrecklicher Krieg, verlustreich auf beiden Seiten, mehrere tausend zivile Opfer, darunter Käfer, Raupen und anderes Kriechgetier. Zwei Rotkehlchen, beim Brüten (besonders tragisch), drei Eichhörnchen und ein Maulwurf der zur falschen Zeit am falschen Ort war, sowie die Zirkusblattläuse.

Sie werden auch zu Kriegsopfern. Ihre zerfetzten Leichenteile können Tage später nicht mehr von den Angehörigen zugeordnet werden und verschwinden in einem eigens ausgehobenen Massengrab, an dem sich direkt Marienkäfer zu schaffen machen. Auf Druck der Bevölkerung, die es Tagelang aus Protest auf die Straße zieht, wird der Zirkus daraufhin zwei kurze Statements abgeben: „Die Show muss weitergehen!“ Und: „Blattläuse braucht niemand!“

Ungeachtet der Allgemeinheit gibt es im Krieg auch Opfer, denen niemand gedenkt: Ein vollbrünstiger Staatsdiener zusammen mit einer Kreuzung aus Biene und Hummel, die gerade, geschützt vor neugierigen Blicken, inmitten des Waldes ungeschützt miteinander intim wurden. Noch ineinander verkantet fanden sie gemeinsam den romantischen Tod. Endlich müssen sie sich nicht mehr verstecken, mit dem Brechen ihrer Brustkörbe brach auch das Tabu. Herzzerreißend, dieses Kleinod, inmitten der Grausamkeit des Krieges.

Derweil schlagen sich die Bäume mit ihren Ästen gegenseitig die Äste ab, sie knallen mit den Baumstämmen gegeneinander, das Geräusch von brechendem und splitterndem Holz ertönt. Wieder und wieder. Viele dünne, schmächtige Baumstämme reiben sich, scheinbar ohne Wirkung zu erzielen, an dem ehemaligen Führer der Bäume, auf. Sie zerbrechen wie Streichhölzer zwischen den Fingern. Wurzeln und Äste knacken, Blätter fallen, Erde fliegt durch die Luft. Der Mond scheint.

Ein entsetzlicher Anblick, vor allem für Gärtner und Förster. Ich wende mich von der Schlacht ab, denk an meinen Traum: Weltfrieden ist nur eine Illusion. Soweit wird es nie kommen.

Irgendwo wird immer jemand mit irgendwem Krieg führen. Es wird immer welche geben, die andere unterdrücken. Friedliche Lösungen sind die Ausnahme. Der, der die Macht hat, gibt sie freiwillig nicht mehr her.

Während meine Gedanken immer weiter ins negative abdriften, geht die Schlacht in die entscheidende Phase.

Nur unterbewusst nehme ich von ihr Notiz. Dumpf, unklar, verschwommen, wie den laufenden Fernseher, den man im Augenwinkel sieht, während die Aufmerksamkeit einem anderen Bildschirm gehört und nebenbei laute Musik, die die totale Besudelung, die totale Zudröhnung der Sinne, perfekt macht. Überreizung nennt ich dieses flutartige Phänomen, die Schotten werden dicht gemacht. Den Zustand, indem ich mich nun befinde, kann ich getrost mit einer Art Trance vergleichen.

Einem Dämmerzustand der zwischen Bewusstsein und Willenlosigkeit liegt. Alles spielt sich vor meinen Augen ab, ich bekomme nichts mit, fast nichts. Wie unter Hypnose, nur kann ich mich danach daran erinnern, hoffe ich jedenfalls. Auch beeinflusst niemand Konkretes meinen Willen.

Ein ohrenbetäubendes Knacken holt mich wieder zurück, zurück in die Gegenwart, in die Schlacht. Der Anführer ist tot. Sein Stamm brach in zwei, Harz tritt aus seinem Leichnam. Wenige Bäume realisieren dies, kämpfen weiter, töten weiter. Wie im Rausch.

Am Ende humpeln schließlich einige wenige vom Schlachtfeld, dabei schleifen ihre Wurzeln am Boden entlang, knacken bei jeder Bewegung, können teilweise die Last der Baumstämme nicht mehr bewältigen, sind wohl verloren: Stammbaum ausgelöscht.

Abseits der Aufnahme musste der Plastikball von einem Seelsorger betreut werden.

Die frühere Eleganz der über den Boden tänzelnden Bäume ist fortan Geschichte. Sie haben überlebt, aber zu welchem Preis? Die Schlacht ist geschlagen, es gab nur Verlierer. 

Die Nacht hat ein Ende, Morgengrauen.

 

 

#9 Traum

Blödes Blogbuch,

momentan bin ich sehr irritiert. Irre wie irre in imaginärten Irrgärten umher, blähe dabei übel duftende Düfte durch die Lüfte, um die Orientierung nicht zu verlieren. Um zu wissen, dass ich noch lebe. Um am Ende trotzdem völlig orientierungslos durch die sagenhafte Traumwelt zu stapfen. Der Nase nach verliere ich mich in dieser Welt, alles Dunkel zieht mich dabei an. Es verfolgt mich, kriecht keuchend hinter mir her. Schleppend schleppe ich mich über den Boden, unter mir der Untergrund. Über mir der Übergrund… Kein Grund zur Sorge.

Jedes Mal, wenn ich dann erwache, bin ich einen tödlichen Tod gestorben. Belanglos das Wie. Seit Tagen geht das schon so, als ob ich vor etwas Angst habe, oder meine Popocreme zur Neige geht. Das nimmt fast schon traumatische Züge an.

Miss Gabbat gibt ja immer bei Schlafstörungen und wilden Träumen dem Mond die Schuld. Dann grummelt sie, selbst schlaftrunken, einen bitterbösen Fluch, der literarisch betrachtet, seines Gleichen sucht:

  Geh weg Mondlicht, du Spast.

Ihre Augenringe spiegeln sich dabei auf meinen gelblich schimmernden Zähnen, die ich ihr beim Auslachen zeige, während der pralle Mond ihr unentwegt ins Gesicht scheint. Voll süß, die Gute. Ein einziges Wrack bei Vollmond.

Auch außerhalb der Traumwelt läuft es beschissen für uns beiden Hübschen. Alles läuft an uns vorbei und wir laufen nur hinterher. Wie im Traum, nur umgekehrt und in echt.

Als imaginäre Person hat man es nicht leicht. Alles drischt auf einen ein, ohne Skrupel, ohne Gnade. Ohne Sinn und Verstand. Als würde man keine Gefühle haben, keinen Wert besitzen. Traurig sowas, niemand hat einen lieb. Lieblos das Dasein. Sein oder Nichtsein. Das ist keine Frage.

Ich sollte mir einen anderen Charakter erschaffen, wo ich dann das Augenmerk meiner Eigenschaften auf Stärke, Charisma, Willens- und Arschmuskelkraft legen würde.

Attribute mit denen ich bisher persönlich nicht sonderlich auftrumpfen kann. Könnte mich dann wie in einem Rollenspiel hochleveln. Dafür müsste ich nur ein paar dumme, jedoch äußerst zähe Stressmacher mit meiner Willenskraft willenlos machen, um ihnen ihre Lebenspunkte abluchsen zu können.

Abschließend kann ich dann mit einem Klappstuhl die Fäule aus ihren Hirnen herausdreschen, zum Zeitvertreib. Um ihnen schließlich, bereits am Boden liegend und völlig wehrlos, die nackten Füße zu kitzeln.

Vielleicht werde ich ja dann, außer eines heiseren Stöhnens, der im Todeskampf Befindlichen, ein kurzes Kichern wahrnehmen. Dann grinse ich verschmitzt, reibe mir die Händchen und schaue mich nach kleinen, süßen Tierchen um, die ich quälen kann.

Bin doch ’n juter Junge… hÄHä

Kranker Scheißdreck. Das kommt von dem Bockmist, den ich zur Zeit träume. Sollte aufhören damit…

Oder ich mache einfach die Augen zu, um von einer besseren Welt zu träumen. Einer Welt ohne Stressmacher und andere Hardliner.

Kaum schlafe ich dann ein, werde ich bestialisch umgebracht, mit einem Messer im Unterleib steckend, wird mir schwarz vor Augen, schmerzverzerrt zerre ich mich aus dem Bett, humpel‘ zum Klo und uriniere stundenlang. Danach tapse ich zurück ins Bettchen und träume von rosa Einhörnern und anderen blutrünstigen Monstern, die mich töten wollen, um mich danach auszuweiden auf wunderschönen Weiden, wo der Mohn klatscht und der Samen keimt.

Ja, ich schlafe in einem Bett. Mit Miss Gabbat. Nein, wir führen ein rein interllektuelles Verhältnis mit ein wenig körperlicher Interaktion. Das ist nicht immer leicht bei zwei so hellen Köpfen der Gegenwartsgeschichte. Aber wir geben uns Mühe.

Schlafsack und Yogamatte hat der Uhrensohn von Scheißwecker bereits verschreckt. Wir leben in einer verrückten Zeit, voller fantastischer Vorkommnisse. Kaum zu glauben, zumindestens für fantasieloses Gesocks und andere Soziopathen.

Miss Gabbat glaubt mir bis heute kein Wort:

Was hast du nur mit meiner Matte angestellt, du blöder Vollspast?

Warum ist diese Person nur so beleidigend? Immer denkt sie, ich habe es verbockt. Niemals ist sie neutral bei der Schuldfrage.

Wobei die Wahrheit so banal wie unglaublich ist (wie so oft). Der Schlafsack hat nämlich die Yogamatte verschluckt und ist mit ihr die Treppe heruntergeplumpst. Genickbruch, sofort tot. Zum Glück musste niemand lange leiden.

Habe den Schlafsack (mit der Yogamatte intus) in einer Nacht- und Nebelaktion begraben müssen. Im Mülleimer. Eine äußerst makabere Angelegenheit. Musste die beiden dafür  trennen und zerlegen. Zur Tarnung habe ich noch das Lieblingskissen von Miss Gabbat auf die beiden gelegt.

Tod und Verderben spielen zur Zeit eine große Rolle in meinem Leben. Das könnte natürlich auch ein Grund für die Alpträume sein. Miss Gabbat isst mir auch regelmäßig den Salat vom Teller, was Todesängste bei mir ausgelöst haben könnte und zeigt, warum Frauen anscheinend immer älter werden und Männer im besten Alter elendig zu Grunde gehen. Es geht um den Salat und um die missgünstigen Miss Gabbats dieser Welt. Tragische Geschehnisse dieser Tage, Mann sollte dagegen vorgehen…

Vielleicht sollte ich mal mit Miss Gabbat reden und ein paar Dinge mit ihr klären. Wir haben anscheinend unsere Differenzen, oder sie hat Recht und es liegt am Vollmond. Die lieben Kinderchen sind natürlich auch Schuld, wie immer. Zumindest eine Teilschuld haben sie verdient, aus Prinzip.

Mein Rücken ist im Moment ganz schön am Wehtun, sollten uns endlich Matratzen zulegen und ein Lattenrost, wo keine Nägel herausgucken.

Natürlich gibt es auch schöne Träume, nur erinnere ich mich fast nie an sie.

„Träume sind nur was für Träumer“, zitiere ich sehr gerne Ken- Reiner Keiner, diesen verrückten Mistkerl. Ein Randbewohner aus Prinzip.

Ich bin kein Träumer. Ein Schwelger vielleicht, aber kein Träumer. So etwas würden auch die lieben Kinderchen nicht zulassen. Da bleibt man lieber realistisch, sachlich und vorsichtig. Könnte ja noch eines von ihnen  Zerbrechen und die Urlaubsplanung in Gefahr bringen. Totaler Salat im Kopf und nicht auf dem Teller…

Vorerst zumindest. kann zumindest wieder und wieder versuchen, von einer besseren Welt zu träumen und mich über fliegende Elefanten freuen… die einen umbringen wollen.