Sechs

5. The Glorious Life of Brummsummsel

“Niemand ist so wie ich“, ruft die viel zu dick geratene Brummsummsel, während sie im Zickzack auf das merkwürdige Wesen zufliegt.

Alles begann vor zwei Monaten. Die Brummsummsel schlüpfte aus einem Kokon, das aus gehärtetem Okapimist bestand. Was ein Okapi mit all dem Mist zu tun hat, kann leider nicht näher erläutert werden, dazu fehlen einfach die seriösen Quellen.

Die Brummsummsel jedenfalls besaß weder Vater noch Mutter und auch sonst hatte sie keine Verwandtschaft. Niemand nahm sich ihr an, jedenfalls ging die Brummsummsel ein Leben lang davon aus.  So war sie schon immer auf sich allein gestellt.

Die Erziehung übernahm, wie bei vielen Menschenkindern auch, das Privatfernsehen.

Das smarte Blinkblink– hab- dich- am Arsch- Ding hatte ausnahmsweise nichts damit zu schaffen (unglaublich, aber wahr!).

Es war der Flimmerkasten der an allem elend die Schuld trug. Die Brummsummsel hatte nämlich schon seit Monaten (genaugenommen seit zwei) ein schwerwiegendes Problem. Sie litt an Essstörungen in Verbindung mit einem Minderwertigkeitskomplex, sowie einer stark ausgeprägten Psychose.

Brummsummseln sind von Natur aus ziemlich labil und so hatte das Privatfernsehen leichtes Spiel:

Mein Freund, der Flimmerkasten, stets loyal und stets diskret, sendet er tiefgründige Oberflächlichkeiten. Meine individuelle Entfaltung hemmt er großflächig im… 16: 9 Format. Trotzdem gibt er mir durch die Fernbedienung den Irrglauben von Entscheidungskraft, von Macht. Aus gewöhnlichen Geschichten macht er interessante, er berichtet über Probleme, die keine sind.

In der Werbepause gehe ich kacken.

Danach zeigt er mir die schönen Dinge dieser Welt, sowie die weniger schönen. Auch die überflüssigen, hohlen, stumpfen Dinge zeigt er mir und die perversen, total widerlichen und schwachsinnigen… Dinge, die ich gar nicht sehen will. Und doch fasziniert er und nimmt gewollt Entscheidungen ab.

Er sagt mir wie ich auszusehen habe, wie ich mich kleiden soll, was mir schmeckt und was mir nicht zu schmecken hat. Auch erklärt er mir, wer oder was cool ist und wer oder was nicht so cool ist. Aber auch wer oder was besonders cool ist.

Manchmal verrät mir der Flimmerkasten auch Geheimnisse, die sonst keiner kennt. Wegen ihm besitze ich eine Meinung. Er unterhält sich stets mit mir, er macht beschränkt. Er ist mein allerbester Freund, wenn auch mein einziger. Ohne ihn wüsste ich nicht, wer ich bin und wie ich sein soll.

Einmal im Bann des Privatfernsehens hatte die Brummsummsel keine Chance. Der Flimmerkasten machte aus der aufgeweckten Frohnatur eine faule Zynikerin.

Brummsummseln sind weder männlichen noch weiblichen Geschlechts. Sie sind asexuell und niemand weiß, wie sie entstehen. Dennoch haben sie für gewöhnlich Erziehungsberechtigte. Diese werden stellvertretend von einer staatlichen Behörde berufen und kümmern sich um das Wohlergehen, ohne direkte Erzeuger zu sein. Sie nehmen sich der kleinen Summseln (so bezeichnet man Babybrummsummseln) an und bereiten sie auf die große verschissene Welt vor. Unser Summselchen verwechselte ihre Erziehungsberechtigten bei ihrer ersten Begegnung mit Beutetieren und verputzte sie kurzer Hand. Dabei waren es eindeutig Beuteltiere.

Gerüchten zufolge paarte sich einst eine Hummel mit einer Biene. Die daraus entstandene Kreuzung paarte sich wiederum mit einem gehobenen Staatsdiener (einem besonders fetten Exemplar mit Halbglatze und Zuhälterbrille). Rein dienstlich, versteht sich. Das Ergebnis war die in unseren Breiten- und Längengraden bekannte Brummsummsel.

Aber Gerüchte sind ja bekanntlich nicht immer wahrheitsgemäß und Staatsdiener sind keine abstoßenden Geschöpfe mit perversen Neigungen. Sie haben einfach nur einen schlechten Ruf, den es zu verteidigen gilt.

Vielleicht ist die Vermehrung auch einfach durch eine Zellteilung erklärbar, jedoch ist dies nur eine Mutmaßung. Fest steht jedenfalls, dass Brummsummseln sechs kleine Beinchen und zwei Ärmchen besitzen. Sie ähneln denen von Menschen, sind nur viel kleiner und pechschwarz.

Insgesamt ist eine Brummsummsel etwa so groß wie ein Golfball. Sie hat einen schwarz- gelb karierten, mit lauter kleinen Härchen versehenden Körper. Dieser ähnelt in seinem Bau und seiner Behaarung dem eines Yetis.

Jenem Fabelwesen aus dem Himalaya, das in jeder gut sortierten Zoofachhandlung zu erwerben ist.

Der Kopf einer Brummsummsel kommt dem eines Elefanten nahe, einschließlich des aus tausenden von Muskeln bestehenden Rüssels, jedoch ohne die großen Ohren. Stattdessen hat “Es”, da Es ja ein Neutrum ist, kleine Löcher an beiden Seiten des Kopfes. Davon allerdings darf man sich nicht täuschen lassen, denn Brummsummseln gehören zu der Spezies mit dem am besten ausgeprägten Gehörsinn. Flügel besitzt es keine, fliegen kann es trotzdem. Denn man mag es kaum glauben:

Brummsummseln bestehen aus nur einem Atom. Einem tennisballgroßen Atom, welches als Einzeller, oder sonst was, durch die verschissene, weite Welt schwebt.

Den Kern dabei bilden unzählige (wirklich unzählige) Protonen, welche ja bekanntlich positiv geladen sind. Die Hülle bilden genauso viele Elektronen, die sich in wiederum unzähligen Umlaufbahnen bewegen. Von den lässigen, ansässigen, Neutronen mal ganz abgesehen.

Ein mittelmäßig guter Abiturient mit Chemie- Leistungskurs würde sagen: “Das geht nicht, so etwas kann nicht existieren. Die Energie würde diesem Druck nicht standhalten und das Ding würde auseinanderfallen oder so ähnlich.” 

Aber nicht unsere Brummsummsel. Sie ist Druck von außen (sowie von innen) gewöhnt. Und von Wissenschaft und Logik hält sie sowieso nicht viel. 

Unsere Brummsummsel ist, wie unter Brummsummseln üblich, ein Einzelgänger und pflegt auch sonst keinen Kontakt zu Artgenossen oder anderen Genossen.

Durch ihren viel zu fett geratenen Körperbau, trägt es gerne weite und bequeme Kleidung, meist eine Leggins und ein übergroßes T- Shirt, von einem angesagten Modelabel (Bruno Boss™). Unterwäsche trägt es keine. Schuhe nur zu besonderen Anlässen. Jeden Dienstag beispielsweise, zu ihrer absoluten Lieblingsserie, wenn der Flimmerkasten alles aus sich herausstrahlt. Oder bei Free TV Premieren.

Ins Kino geht unsere Brummsummsel niemals nicht, das wäre Hochverrat. Flimmy, wie es ihren Flimmerkasten liebevoll nennt, steht in großer Konkurrenz zu jedem anderen Medium dieser Gesellschaft, vor allem zum Kinofilm oder der Kinowerbung.

Brummsummseln haben sechs Leben, sagt man. Alles Quatsch, es sind lediglich fünf.

Von den fünf Leben hat unsere Fette (liebevoll gemeintes Synonym für unsere überdimensionale Brummsummsel), in den zwei Monaten ihrer Existenz, bereits vier verprasst. Leichtsinnig, würden wir sagen, schwerwiegende Probleme sind wohl eher die Erklärung, die unsere Fette hören möchte.

Durch exzessiven Alkoholkonsum, größtenteils bedingt durch das Vormittagsprogramm im geliebten Flimmerkasten, mussten bereits zwei Lebern versagen. Die jetzige hat bereits einen Schaden. Seitdem: Versagensängste.

Einmal warf sich unsere Brummsummsel auch vor einen knapp verpassten Bus, um bei der daraus entstandenen Unruhe noch zusteigen zu können. Schließlich wollte sie schnell nach Hause, um die neue sportliche Action- Spielshow  im Privatfernsehen, nicht zu verpassen.

Ein weiteres Mal wurde unsere Fette von Auftragskillern (wegen Wettschulden) umgebracht. Brummsummseln wetten leidenschaftlich gerne bei schlechtem Wetter und wittern Betrug, im Nachhinein.

Bevorzugt wird auf Mannschaften im unteren Tabellenabschnitt mit hoher Torflaute und massiven Verletzungspech, aber einer großen Identifikationsrate, gewettet.

Also die ganz typischen Problemchen einer gewöhnlichen Brummsummsel, denkt man. Falsch gedacht! Unsere Namenlose, ist wie bereits mehrfach erwähnt, zudem ein richtig fettes Ding.

Heute Morgen aß sie vom Gewicht her, vier mal sich selbst. Eine weiße Taube verlor ihr leben, während einer Friedensmission (im östlichen Mittel). Zum Frühstück, da war es dann aus mit dem Frieden.

Danach flog sie zum Bach, um ein ausgiebiges Bad zu nehmen.

Der Flimmerkasten erzählte ihr etwas von nacktem Wahnsinn, der vor nichts halt mache… Außerdem war von Gleichstellung die Rede.

Absurd, dachte die Brummsummsel und beschloss dem Irrsinn auf den Grund zu gehen.

Diese Aufnahme zeigt erstmalig eine Brummsummsel in freier Wildbahn. Leider nur sehr undeutlich, dafür aber in voller Pracht.

Vorher sollte noch, im Bach, die tägliche Körperpflege durchgeführt werden. Soviel Zeit muss sein. Während also unser Brummsummselchen im Wasser planschte, machten sich akute Blähungen bemerkbar. Die Friedenstaube hatte wohl auch noch etwas zu versinnbildlichen. Das Wasser blubberte. Ein übelriechender Gestank stieg langsam zum Himmel auf.

Damit vertrieb sie einen Reiher, der anfing sie zu stalken, nachdem vor ein paar Wochen etwas kurzes aber heftiges zwischen den beiden ablief. Sie hatten sich über eine Dating- App kennengelernt.

Plötzlich hatte unsere Fette eine Eingebung:

Nackter Wahnsinn, der du vor nichts halt machst bis nicht alle gleich sind, ich werde dich aufhalten! Und so flog die Brummsummsel, mit festem Willen los, um dem Wahnsinn ein Ende zu machen.

Sie überquerte Wiesen und Täler. Eine Höhle tat sich vor ihr auf aus der sie, dank ihres übertrieben guten Gehörs, Stimmen vernahm.

Hineinfliegen, den nackten Wahnsinn erblicken und direkt zum Angriff übergehen…

„Niemand ist so wie ich“, ruft die viel zu dick geratene Brummsummsel, während sie im Zickzack auf das merkwürdige nackte Wesen zufliegt.

Und du, nackter Wahnsinn, wirst niemanden mir angleichen, nicht mir, verdammt. Das wäre nicht fair, dem anderen gegenüber.

Die Brummsummsel muss schlucken, eine Träne läuft ihr übers Gesicht. Sie ist entschlossen, zu allem bereit.

“Stirb, du hässliches Geschöpf.”