Sieben

 6. Der Knall (oder die fette Qualle)

“Niemand ist so wie ich“, äffe ich Dance nach. “Also für einen Plastikball bist du ganz schön arrogant!” Dance schweigt. Etwas fliegt auf mich zu. Etwas Großes, etwas Unheimliches. Ein dicker Brummer, denk ich. Es wird immer größer. Mir ist so, als höre ich eine Stimme, ein Stimmchen. Nur noch wenige Meter von mir entfernt.

Blitzschnell stelle ich mehrere Hypothesen auf: Eine fette Fledermaus wird es sein, ein kleiner Drachen,  ein U.F.O mit Besatzung, oder eine Kreuzung aus Hummel, Biene und Staatsdiener (einem besonders fetten und viel zu gut bezahltem Exemplar).

Nichts scheint mir jedoch plausibel, ich gerate in Panik und fuchtele wild mit den Händen umher. Das Viech scheint seine Taktik zu ändern und fliegt im Zickzack auf mich zu. Es will mich töten, da bin ich mir sicher. Als Außenseiter denkt man immer, dass alles und jeder einem an den Kragen will. Meist zurecht.

Ich hasse große, aggressive Insekten. Die stechen und beißen und sind eklig. Gleich hat es mich. Plötzlich ist mir so, als ob das Mistviech tatsächlich sprechen würde und zwar mit mir. Ganz leise, jedoch glasklar, höre ich das Stimmchen sagen:

Stirb, du hässliches Geschöpf.

“Das hättest du nicht sagen sollen“, murmle ich leise und bestimmt zwischen meinen knirschenden Zähnen hindurch. Alles geschieht wie im Zeitraffer, als hätte man einen Knopf dafür gedrückt. In Zeitlupe hole ich zum Vernichtungsschlag aus.

Kein wildes mit den Händen Herumfuchteln mehr, eine kühne, überlegte Bewegung, die mich zum Ziel bringt.

Drei Meter Entfernung, zwei Meter, einen Meter… ich schlag zu. Mit voller Kraft. Volltreffer. Meine rechte Hand schmerzt entsetzlich. Ein großer dicker roter Abdruck ist auf meiner Handfläche zu sehen und es riecht nach verbranntem Fleisch, es ist mein Fleisch, das so stinkt. Eine brennende Brandwunde, kein Zweifel. Hab ich meine Brandsalbe dabei?

Ein lauter Knall schreckt mich auf. Meine Gedanken ruhen für einen Augenblick.

Ich höre nichts mehr, gar nichts. Qualm, überall Qualm, die Erde unter meinen Füßen bebt.

Was passiert hier? Ist das alles real? Träum ich? Wie auch immer. Ich muss hier weg, und zwar sofort. Ich renne um mein Leben. Keine Ahnung wo hin, einfach nur weg.

Felsbrocken fallen neben mich, vor mich, hinter mich. Treffen mich, nicht.

Die verdammte Höhle kracht in sich zusammen und mit ihr, deine Mutter, in all ihren Facetten (nein, meine Mutter, das hatten wir geklärt).

Angst überkommt mich, während mein Leben in kurzen Sequenzen an mir vorbeizischt:

Zuerst im Kinderladen (Kreuzberg in den 80ern), ich bin der König. Ich haue Mädchen, werde respektiert. Niemand stellt mich in Frage. Niemand. Dieses Machtgefühl assoziiere ich immer mit der Kindheit im Kinderladen.

Da ist mein achter Geburtstag, ich bin fett, sitze zwischen lauter schlanken Kindern aus meiner Klasse. Wir sind bereits umgezogen. Ich kann die Kinder nicht leiden, ich hasse sie, sie hassen mich. Diese schlanken, verlogenen Kinder. Denken doch nur: Ach, die fette Sau hat Geburtstag, da gibt es sicherlich Videospiele und viele Süßigkeiten zum Absahnen. Kinder können so gemein sein. Vor allem schlanke, hübsche Kinder. Ich kann nicht vergessen.

Trauerklos und fette Qualle, das waren meine Spitznamen. Kinder können so verletzend sein. Damals gab es nicht so viele dicke Kinder, so wie heutzutage.  

Und dann mit dreizehn Jahren, noch leicht pausbäckig aber voller Lebensmut. Ich rauche heimlich Zigaretten, gucke Softpornos im Fernsehen, für die ich die halbe Nacht aufbleiben muss (verrückte 90er). Onaniere unter der Decke, mitten im Wohnzimmer, alles schläft, wie immer, denke ich noch verschmitzt.

Das Licht geht an, ich probiere geistesgegenwärtig die Fernbedienung zu greifen, um die nackten Frauen aus dem Röhrenapparat verschwinden zu lassen. Fasse daneben und die Decke rutscht mir dabei weg. Meine Mutter guckt mich entsetzt an. Ich gucke meine Mutter entsetzt an. Wir gucken uns gegenseitig einige Sekunden entsetzt an. Entsetzlich, dieser Moment.

Ich will ihn vergessen, kann es aber nicht. Er ist Teil von mir. So wie der gleiche Moment, einer dieser unvergesslichen Momente für meine Mutter ist, als sie mein Teil entsetzt anblickte.

Ich bin achtzehn, endlich volljährig. Fahre mit einigen Gleichgesinnten Auto, es gehört meiner Mutter. Ich sitze am Steuer. Wir waren Drogerieartikel kaufen, waren cool. Es regnet ununterbrochen, die Ampel vor uns wird rot. Wir hören Musik, laute, elektronische Musik. Der Beat ist toll, er übertragt sich auf meinen Fuß.

Ich muss einfach diesen Beat auf das Gaspedal übertragen.

Es geht nicht anders, nein, es muss sein. Die Ampel wird grün, die Autos müssen losfahren, tun es aber nicht. Egal, den Gleichgesinnten muss imponiert werden, um jeden Preis. Totalschaden.

Die Penner fliehen mit den Drogerieartikeln aus dem Auto, zurück bleib ich, mit der kaputten Karre meiner Mutter und der daraus ertönenden elektronischen Musik. Der Beat ist nicht mehr so toll.

Mit dreiundzwanzig wache ich nach einer langen exzessiven Nacht neben einer Frau auf. Ich erschrecke:

Es ist eine fette Qualle, mir wird schlecht.

Sie wacht auf und ich höre gar nicht mehr auf zu erschrecken. Kurze Unterhaltung, ich schlussfolgere, sie ist ein Trauerklos. Ekelhaft.

Nett, wie ich in diesem Lebensabschnitt nun einmal bin, gebe ich ihr eine falsche Telefonnummer. Sie ist zufrieden, lächelt mich mit ihrem fetten Gesicht an und ich verschwinde augenblicklich.

Esse den fettigsten Döner- Kebab der Welt und übergebe mich kurz darauf heftigst, auf dem Weg nach Hause. Unvergesslich, für mich.

Mit fünfundzwanzig lerne ich eine wunderbare Frau kennen und lieben, mit sechsundzwanzig schenkt sie mir unerwartet ein Kind. Ein kleines zerknautschtes Wesen.

Verdammt, ich liebe dieses kleine Geschöpf. Ich bin bei der Geburt dabei, es geht unerwartet schnell. Ich halte es in meinen Armen, weine, flenne, schluchze.

Es gehört zu mir, es ist mein Fleisch und Blut. Ein Gefühl steigt in mir auf. Ein bis dahin völlig unbekanntes Gefühl. Es macht mir Angst und stellt sich bei mir vor:

Mein Name ist Verantwortung und ich werde dich ein Leben lang begleiten. Meine Schwester heißt Vernunft und hat auch ein Wörtchen mitzureden. Mein missratener Bruder ist das Gegenteil von mir, auf ihn solltest du nicht hören. Und noch was: Du bist jetzt Erwachsen, hörst du? Erwachsen!

Bevor Fragen auftreten: Die kurze Hose ist extra für diese Aufnahme, für mich, maßangefertigt worden. Man kann sie leider in keinem Geschäft käuflich erwerben.

Ich komme wieder zu mir und schüttele die Träumereien von mir ab, mit einem kurzen aber heftigen Befall von Schüttelfrost.

Das Beben ist vorüber und ich stehe vor den Trümmern des Ortes, den man einst ‘al Revez’ nannte.