Vier

3. Die Wüste lebt

Die Wüste glitzert, sie lockt, möchte Besitz von mir ergreifen. Vom ersten Moment an. Mit ihrem stinkenden Atem ruft sie mich. Ich kann es ganz deutlich hören:

Komm zu mir, werde Teil von mir, richte dich nach mir, sei mein Eigentum.

Ohne Frage: Die Wüste lebt. Sie bedroht mich, meine individuelle Entfaltung, meine Existenz. Sie will mich verschlingen, zerkauen und dann einfach ausspucken. Die Wüste ist böse, ich hasse sie. Ich schiebe gerade einen total wüsten Film… Was ist nur los mit mir?

Aus Wüste, aus!

Damit ich der Wüste mit all ihren Verlockungen auf Dauer widerstehen kann, muss ich sie durchqueren, um ihr dann entkommen zu können. Klingt komplizierter als es ist. Vielleicht gelingt es mir ja die Wüste anschließend von hinten zu erstechen. Der meuchelnde Reiner, Außenseiter auf Abwegen. Randbewohner aus Prinzip. Erst einmal muss ich die Wüste durchqueren. Es gibt keine andere Möglichkeit, so wird es sein. So ist es. Was liegt wohl hinter der Wüste, was kommt danach? Ich werde es herausfinden.

Verlasst euch drauf!

Mit wem ich rede? Mit Euch da draußen natürlich, wer auch immer ihr sein möget. Da draußen, draußen, nicht drinnen, in meinem Kopf, nein draußen. Mit euch da draußen, ihr wisst schon, wen ich meine, fühlt euch ruhig angesprochen! Was ist nur los mit mir?

Besessen von dem Gedanken herauszufinden was hinter der Wüste liegen mag und mit wem oder was ich, außerhalb meines Verstandes, Kontakt aufnehmen kann, also voller verrückter Neugier, beginne ich loszumarschieren. Ohne mich umzudrehen setze ich einen Fuß vor den anderen. Ich bin ein Wanderer, fernab der Wanderwege. Ein Verrückter inmitten der vegetationsarmen Umgebung. Kurze Zeit später: Hitzewallungen, schmerzende Glieder und dieser fürchterliche Durst.

Komm schon Wüste, mehr hast du nicht zu bieten?

Laufen, stolpern, aufrappeln und weiterlaufen, so weit die Füße einen Tragen. Die schmerzenden Glieder ignorieren, laufen, weiterlaufen. Immer weiter. Das einzige, was am Körper zehrt, ist dieser gewaltige Durst. Durst zu haben ist ein schreckliches Gefühl. Ein stilles Wässerchen wäre jetzt schön. Oder einen Latte Macchiato.

Dehydrieren, halluzinieren, verrückt werden und schließlich elendig verrecken. Was für eine beschissene Aussicht. Die Wüste glitzert, sie lockt und giert nach mir.

Nicht mit mir Wüste, ich bin ein Kämpfer, ein Überlebenskünstler, ein Stehaufmännchen… Ein Außenseiter. Aber ein ganz gerissener…

Ich werde es schaffen, in die Geschichtsbücher werde ich eingehen, als ein tollkühner, Wüsten durchquerender Typ ohne Hirn und Verstand. Jawohl, ein fantastischer Typ, einer, der sich von der Masse der stumpfsinnigen, dunkel ummantelten Stümper absetzt.

Der seinen eigenen Weg geht:

Du wirst mich nicht aufhalten Wüste, du nicht!

 

Für diese Aufnahme ist der Klimawandel verantwortlich, sie zeigt Teile von Brandenburg.

Die Wüste lebt, sie ist böse. Mit ihren langen Klauen probiert sie mich zu fassen. Sie will, dass ich Teil von ihr werde:

Gib auf, Außenseiter, beuge dich dem System. Dir wird es gut ergehen, der Alltag verleiht dir Struktur, er lässt dich gedeihen, gibt Sinn und Kraft.

Morbide Gesellschaft.

Schweig Wüste, heuchele mir nichts vor, all die Zivilisationskrankheiten sind im Ursprung doch auf den wüsten Alltag zurückzuführen. Stress, Bluthochdruck, schlechte Ernährung und Bewegungsmangel, dass sind Phänomene die in dieser Wüstenregion der Erde nur allzu häufig vorkommen. Hinzu kommen Missgunst und Habgier, sowie einer Prise Verlogenheit. Das ist die Realität, probiere nicht, sie zu verschleiern. Ein Mensch benötigt Struktur, jedoch nicht zwingend solch ungesunde und krank machende. Darauf kann ich gut und gern verzichten. Lass mich doch in Frieden gehen, Wüste.

Donner ertönt, die Erde bebt für Sekunden. Ein Blitz folgt. Danach Stille. Meine Wahrnehmung scheint irreperabel. Der Durst verschwindet, so schnell wie er gekommen ist. Ebenso der Schmerz in Gliedern und Kopf. Vor mir tut sich etwas Großes und Fantastisches auf. Das Ziel meiner Reise und doch erst der Anfang…

Mir wird klar, dass ich die Wüste durchquert habe. Ich bin außerordentlich stolz auf mich und streichele mir liebevoll über die Wange. Hoffentlich war dies die richtige Entscheidung. Ändern kann ich sie nicht mehr.

Hinter mir erkenne ich große, graue Klötze mit vielen kleinen Fenstern. Einige von ihnen strahlen hell, andere nicht. Ein ziemlich trostloser Anblick.  Die Dämmerung bricht herein, während die Wüste ein letztes Mal vor meinen Augen weilt.

Ein merkwürdig melancholischer Augenblick. Ich fühle mich wie eine Schnecke, die ihr Haus verlässt, obwohl es komfortabel und bequem ist, Schutz bietet. Es handelt sich aber um eine Schnecke mit Durchblick, keine normale Schnecke. Sie ist ohne Haus vor allem eines: Schneller. Schnell, weil ungebunden und damit frei. Frei von Bindungen, Verankerungen, schwebend im Kosmos.

Ja, genau so ist es: Ich bin eine schwebende Schnecke, ohne Haus, dafür mit Durchblick. Dem vollen Durchblick. Nackt und glücklich. Wahrscheinlich mit Strubbelkopf, nuckelnd an einem glühenden Grashalm. Völlig friedlich und sorglos schwebe ich in der Nähe von betörend riechenden Pflanzen und dummen roten Kröten, die sich gerne lecken lassen. Nicht weit von einem Mohnfeld entfernt, neben einem alten Mandelbaum, döse ich so vor mich hin.

Bis mich plötzlich, ohne Vorwarnung, ein riesiger, unheimlicher Vogel, mit seinem spitzen Schnabel aufspießt und mit mir zu seinem verdammten Nest fliegt. Alles geht viel zu schnell, die dummen roten Kröten konnten mich nicht rechtzeitig warnen, ihnen ist kein Vorwurf zu machen. Am Nest angekommen, wo auch schon die hungrigen Jungvögel warten und mich mit Eifer im Gefecht unter spitzen Schnäbelstößen zerstückeln. Voller Gier schlingen sie mich hastig hinunter.

Während meines insgesamt doch sehr unerwarteten Niedergangs denk ich noch kurz: So ein riesiger Vogel, was will der mit einem so kleinen Schneckenwürmchen wie mir? Nicht einmal in Krisenzeiten könnten seine Nachkommen von mir satt werden. Er hätte mich doch in Ruhe umherschweben lassen können, stattdessen zerstört er mein Leben, macht es kaputt, beendet es auf grausamste Weise. Selbst im übertragenen Sinne eine bodenlose Frechheit. Dieses Ungetüm ist erbarmungslos, sind seine Krallen doch eigentlich zum Greifen von großen Fischen und Nagetieren ausgelegt. Nur ein mir bekannter Vogel kommt für diese niederträchtige Tat in Frage: Der Bundesadler. Nimmersattes Wesen:

Leute mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn sind die, die zugrunde gehen, die die nur verlieren können. Die die schon verloren haben…

Ich muss aufstoßen, schüttele mich einmal kräftig. Was ist nur los mit mir? Endlich wende ich mich dem Fantastischen zu. Es ist nun stockduster, keine Wüstenlichter, die einem den Weg aufzeigen. Den Falschen. Ich lege mich nieder und denke noch kurz an den morgigen Tag, bevor ich vor Erschöpfung in einen tiefen, erholsamen Schlaf falle.