Vierzehn

13. The first Generation who grew up with computers: Welcome back, Klotzkopf!

Die kitschige Wirklichkeit hatte mich und meinen Klotzkopf wieder, darüber kann ich verdammt froh sein. Trotzdem bin ich weiterhin allein. Ohne Ball oder Computer (den ich wegen der tollen Überschrift zu erwähnen gedachte). Lauthals brülle ich: 

Dance, du beschissenes Plastikgeschöpf. Wo treibst du dich herum?

Keine Antwort. Ich muss mich wohl damit abfinden.

Meine Umgebung hat sich verändert. Nicht wesentlich, kitschig ist sie noch immer. Statt den abertausenden Sitzmöglichkeiten, die aus einem leider in Vergessenheit geratenen Jahrzehnt zu stammen schienen und die sich wie ein Meer bis zum Horizont ausbreiteten, stehen überall bunte Ungeheuer:

Fliederfarbene, mit Karos und Herzchen verzierte, fiese, zähnefletschende, Ungeheuer. Eines grimmiger als das andere, regungslos stehend und auf dem Flokatiteppich verweilend. Schauerlich und herzzerreissend zugleich.

Moment Mal, hat sich das Ungeheuer mit den roten Punkten, welches sich beim näheren Hinschauen zu Spiralen formt und ein wenig nach dem alten Griechen Sokrates aussieht, etwa bewegt? Dieses Ungeheuer der Philosophie!

Nein, das war wohl eine Sinnestäuschung. Mysteriös.

Dieses sehr bärtige, mit einer runzeligen Stirn versehene, irrational wirkende Ungeheuer, steht still. Allerdings bewegt sich sein voluminöser brauner Vollbart, und zwar in wellenähnlichen Schwingungen, die mich total faszinieren, sodass ich es mit offenem Mund  anstarre und mich nicht von seinem  Anblick loslösen kann.

Anscheinend will es das. Mich zurücklassen. Zurücklehnen lassend. Immer wieder beginnt dieses Schauspiel mit einer wuchtigen, ja urigen Kraft, wenn die Schwingungen aus einer starken Welle entstehen, die einer kleinen Erschütterung, eines Mini- Bebens gleichkommt. Der Anblick löst in mir Zufriedenheit und Ruhe aus. Diese gleichmäßigen, wohltuenden Bewegungen wirken meditativ auf mich. Mir wird warm im Bauch, glücklich starre ich den Bart an, als wäre es das Schönste auf Erden.

Sollte das Ungeheuer jetzt ruckartig los fliegen und mich mit einem Happen verschlingen, ich würde mit dem Blick auf dem Bart haftend, zufrieden sterben.

Nichts dergleichen passiert. Stattdessen höre ich aus der Ferne den Ball rufen:

Los Außenseiter, komm, ich will hier weg. Trübsal blasen ist auch keine Lösung. Ähm… Niemand ist so wie ich, einzigartig und so…

Langsam drehe ich mich um, erschrecke kurz, da mein Weggefährte Dancel Ballinghton, direkt hinter mir steht und ein beschissener blau- weiss gestreifter Plastikball ist, der in Wahrheit nicht wahr ist, oder wahr war. Aber da ist, das ist mir klar. Klarheit ist eine Frage der Sichtweise.

Ohne ein Wort zu sagen reise ich mit dem Ball weiter, Richtung Süden.

Bereits nach wenigen Minuten lassen wir das befremdliche, jedoch anmutene Szenario hinter uns, laufen zwar weiterhin auf dem beigen Flokatiteppich, der nach oben hin umgeben von der irrational wirkenden Materie ist. Jedoch liegen die Ungeheuer, die mal Sitzmöglichkeiten aus einem fast vergessenen Jahrzehnt gewesen sind, nun hinter uns.

Vor uns liegt der Süden. Sonne, Wärme, Armut, Rückständigkeit. Dies aber mit Veränderung des Klimas unter Vorbehalt. Außerdem liegen Bayern in Deutschland und Texas in den USA im Süden. Dort trifft hauptsächlich Rückständigkeit zu, wieder unter Vorbehalt, versteht sich. Will schließlich kein Bauernopfer werden.

Wir kommen an einer riesigen steinernen Brücke vorbei, gebaut von den alten Immigranten, wie der Ball mir versichert. Sie gelangt über einen längst vertrockneten Fluss. Jetzt wuchert der Flokatiteppich über das trockene Flussbett. Der Himmel ist für kurze Zeit verdeckt, ich schaue hinauf:

Schwarze Vögel mit weißen Bäuchen fliegen im Schwarm an uns hinüber. Die Flügel mickrig, im Vergleich zum Rest des Körpers. Die Schnäbel spitz und relativ lang. Erst jetzt erkenne ich sie, hören tue ich nichts. Ping-, äh ne, Ponguine werden sie hier gerufen. Würdige Wrackträger, ohne diese arschlosen Allüren, diese ’ohne meinen Doktortitel brauchst du mich gar nicht erst ansprechen- Scheiße‘

Ein Schwarm Ponguine fliegt über uns hinweg, irgendwas erscheint mir trotzdem komisch, keine Ahnung was. Nach kurzer Zeit sind sie außer Sichtweite. Radikale Ratten durchqueren im Gleichschritt marschierend unseren Weg. Wir müssen eine Weile warten, bis auch das letzte geistig etwas zurückhängende Nagetier, Parolen schwingend und lauthals fluchend, über die Rasse der Ponguine und deren Unreinheit, mit einem irren Silberblick, an uns vorüber marschiert.