Zehn

9. Der Flug und die Klangwelt

Grauenvoller Anblick, Holzleichen soweit das Auge reicht. Hier und da einige wenige sich windende Verletzte, die aus eigener Kraft das Schlachtfeld nicht mehr verlassen können. Sanitäter gibt es nicht, alles wird dahinraffen, früher oder später. Alles.

Fruchtbare Erde, sie wird neues Leben austragen, das Alte wird in Vergessenheit geraten, nichts wird daran erinnern, der Kreislauf geht weiter. Bis zum letzten Tag auf Erden. Bis zum letzten Tag auf Erden. Das Bewusstsein der Endlichkeit, was die Erde und das Leben auf ihr angeht, wird einem in solchen Momenten eindringlich vor Augen gehalten.

Viele Menschen verschließen die Augen, wollen nicht sehen, begreifen, wahrhaben. Ich werde meinen Weg gehen, der blau- weiß gestreifte Plastikball wird mich vorerst begleiten. Er rollt hinter mir her, während ich mich mit schnellen Schritten von dem Schlachtfeld entferne. Keiner von uns sagt etwas, wir sind still, nachdenklich.

Meine Mutter schweigt, auch sie ist sprachlos (wen wundert es) angesichts der schrecklichen Geschehnisse.

Vogelgesang bricht die Stille, reißt mich aus meinen Gedanken, die eigentlich schon seit einiger Zeit keine wirklichen Gedanken im Sinne von wirklichen Gedanken mehr sind, sondern eher Leere, stumpfer, dumpfer Leere, entsprechen. Leere, voller unwirklicher Gedankenansätze, die nicht ausgereift, nicht greifbar sind, auf der Stelle zu treten scheinen. Treten ist das richtige Stichwort.

Ich habe schon wieder stechende Kopfschmerzen, höre einen Vogel zwitschern. Einen (unwirklichen) Vogel? In meinem Kopf? In meinem hohlen, leeren Klotzkopf? Gefangen wie in einem, dem Klischee entsprechenden, goldenen Käfig. Ich sehe ihn oder spüre seine Existenz. Keine Ahnung was hier abgeht. Das alles scheint nicht wirklich real.

Der Käfig besteht aus Gitterstäben, bietet aber keinen Schutz, trotz doppelter Edelstahlverchromung. Warum erkenne ich das? Das Wort jedenfalls, sieht sehr stark aus. Der Vogel will raus, er ist ein Gefangener.

Es sind (Ninja-) Schallwellen die in mich dringen, verzerren, sich auseinanderziehen, zu einer riesigen Welle auftun, um am Ende über mir zu brechen, mich wegspülen, ganz weit weg. Dorthin wo noch niemand war und wo auch niemand nach mir mehr sein wird…

In eine Klangwelt, voller anmutender Töne. Meine Klangwelt. Was ich hier sehe, ist nicht von Bedeutung, was ich höre, darauf kommt es an. Lieblich aufspielende Töne, sie wollen mir imponieren, bestreiten einen internen Wettkampf, wer denn wohl am besten klingt?

Sie klingen doch nur gemeinsam gut, einheitlich und doch so verschieden. Das scheinen sie zu wissen, auch dass sie bereits beim Auffangen des Schalls in meinen Ohrmuscheln und den äußeren Gehörgängen multiple Orgasmen auslösen, während die Schallweiterleitung und schließlich die Verarbeitung im Innenohr bereits so stimuliert und gereizt ist, dass meine Ohren schmerzen, bluten, anschwellen. Nein zuschwellen, meine Gehörgänge schließen sich langsam. Ich verliere mein Gleichgewicht, falle um, liege benommen auf dem Boden.

Es riecht nach Erde, frischer Erde. Reizüberflutung, das zweite Mal innerhalb kürzester Zeit. Die Töne sind unbeeindruckt, harmonieren weiter miteinander, bilden Melodien. Einfache und genau deswegen so komplex wirkende Melodien. Der Wohlklang hat sich im Ohr festgesetzt, mein Körper hat sich angepasst, die Symptomatik verschwindet langsam. Mir geht es wieder gut, ja besser als zuvor.

Die Melodien ziehen mich an, ja sie ziehen mich an. Vor allem sind es meine liebsten Melodien die sich mit guten Rhythmen verknüpfen. Gewebe entsteht. Rohes, reines Gewebe ohne Zusätze. Keine Spielereien, keine Experimente. Das Gewebe wird direkt weiterverarbeitet, gestrickt zu einem nur mir passenden Anzug.

In Windeseile ist er fertig gestellt. Maßangefertigt, exklusiv, enganliegend. Ich habe nun wieder etwas an, bin nicht mehr nackt. Einen Ganzkörperanzug, hergestellt aus meinen liebsten Melodien vermischt mit guten Rhythmen. Nun bin ich ein Superheld. Wo ich auch hingehe, gute (urheberrechtlich geschützte) Musik wird mich begleiten, schlechte (urheberrechtlich geschützte) Musik hat keine Chance.

Ich betrachte meinen Anzug. Er ist stillos und somit stilvoll, existiert nicht, für mich schon. Es ist mein Heldenkostüm, ich bin der Held. Ob Held oder Antiheld, Hauptsache Held. Für immer oder nur für einen Tag, egal, jedenfalls ein Held, mit Musikgeschmack.

[Das sollte unbedingt berücksichtigt werden, vorallem von den sogenannten Influencern, jenen die DAS HIER niemals lesen werden und auch von all den kosmischen Aliens die auf diesem Dokument im HTML- Format kurz parken, um dann wieder zurück zum Heimatplaneten zu surfen. Die Geschichte ist zwar kacke, aber der urheberrechtlich geschützte Soundtrack dazu, den ich weder textlich noch akustisch wiedergeben darf, ein Knüller! Auch diese Geschichte und all die anderen Texte auf dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Wie fast alles im www. Unglaublich, aber ernst gemeint. Urheberrechtlich geschützter Mist, könnte man meinen. Man könnte aber auch weinen… Mit dicken Scheinen macht sich der Ball mittlerweile den Plastikarsch sauber, dank dieser Geschichte ist er unter seinesgleichen ein Superstar. Auch dank des © Copyright.]

Nun setze ich meinen Weg fort. Wie spät mag es sein? Wann habe ich das letzte mal geschlafen? Zeit spielt keine Rolle, ich fühle mich frisch.

Jetzt hör doch mal auf blöd herum zu nuscheln und nimm mich in den Arm! Ein Ball braucht Körperkontakt, sonst geht ihm die Luft aus.

Der Plastikball unterbricht meine heroischen Gedanken, er will in den Arm genommen werden, will Liebe und Zuwendung von mir, fühlt sich vernachlässigt. Vielleicht sollte ich nicht immer nur an mich denken. Plastikbälle haben schließlich auch Gefühle, Bedürfnisse, brauchen Aufmerksamkeit. Menschen vergessen oft, dass sie nicht die einzigen Lebewesen auf der Welt sind. Kindern wird auch viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dafür schenken sie dann elektronischen Dingen stundenlange Aufmerksamkeit, ohne Filter und andere Stöpsel.

Na los, fass mich an! Fickfresse!

Ich fasse den blau- weiß gestreiften Plastikball an, ziemlich grob. Fickfresse, so hat mich mein Sexualtherapeut immer genannt, wenn ich ihm erklärt habe, dass seine Frau… Halt, ich bin mein eigener Therapeut… Im nächsten Augenblick:

Taubheitsgefühle, ich fliege, wir fliegen, durch die Luft. Ein unbeschreibliches Hochgefühl. Verdammt ich fliege, ich fliege, fliiiiiiiiiege!

Die Aufnahme zeigt einen Probeflug, bei dem ich noch nicht wusste wie der Hase fliegt. Es endete mit einer fiesen Bruchlandung, ein neuer Plastikball musste her.

Was für eine Aussicht, fantastisch. Der Ball klemmt zwischen meinen Beinen und kontrolliert jede einzelne meiner Bewegungen, lenkt meinen Körper. Mein Geist ist frei. Was für ein Genuss, herrlich. Erst der Klang und  jetzt der Flug, das inspiriert mich, ich komme mir vor wie die Nadel über der Schallplatte, die sie von oben herab sanft kitzelt.

Meine beiden Arme sind weit auseinander gestreckt, die Beine mitsamt dem Ball dazwischen, leicht angewinkelt. Die Ohren bewegen sich auf und ab und das in einem Tempo, welches dem des Flügelschlags eines Kolibris gleichkommen würde. Zum Glück spüre ich momentan nichts, würde wohl auch sehr ungewohnt sein, solch flatterhafte Ohren am Kopf zu haben.

Hey Dance, ich wusste gar nicht, dass wir Menschen fliegen können.

Während ich das sage, blicke ich den Plastikball bedeutungsvoll an.

Ich auch nicht, aber irgendetwas müsst ihr ja können.

Mein Blick richtet sich nach unten. So viele Grün- Töne, jeder einzelne hätte einen Namen verdient, hat ihn bestimmt auch, nur was bringen Namen, die nicht ausgesprochen werden. Blaue sich bewegende dahinschlängelnde Linien. Mal sehr schmal, dann wieder breiter werdend in einem riesigen blauen Fleck endend, um dann wieder vielfach aus ihm herauszutreten, andere Richtungen einzuschlagen, rechts, links ohne Regelmäßigkeit, voller Willkür. Ein Grauschleier umgibt uns, es riecht nach Niederschlag, nach Regen. Mein Regen, lieblicher Regen

Der Wind weht von rechts. Der Himmel ist bedeckt, eine riesige graue Wolke hüllt uns ein. Wir fliegen durch sie hindurch, mit ihr mit. Wie ein monströser übergroßer Schatten. Überall, wo wir entlang fliegen, herrscht Dunkelheit und Beklommenheit.

Runter, wir müssen landen.

Der Ball reagiert auf meine Worte und wir verlieren an Höhe, fliegen abwärts, immer schneller, immer steiler. Ich habe keine Angst, vertraue dem Ball. Ja, außer mir selbst, ist Dance momentan der einzige dem ich vertraue. Einer Hand voll Verwandten sowie guten, alten Freunden vertraut man.

Mit dem Plastikball bin ich mit Sicherheit nicht verwandt, also ist er folglich mein Freund. Mein guter Freund.

Ich fühle mich geschmeichelt, halt dich jetzt fest, die Landung könnte etwas turbulent werden.

Festhalten, er hat doch hier die Kontrolle, wie festhalten? Hügel, verschieden hohe Hügel rasen auf mich zu. Ich nehme nur die Konturen wahr. Schattierungen, grau- schwarze Schattierungen kommen näher. Mein Schatten, das ist mein Schatten, er wird immer kleiner, kurz vor dem Aufprall, das Tempo ist gleichbleibend, konstant.

Gleich bin ich tot, ich vertraue dem Ball, Aufprall! Ein leises –Wuschi Puschi- ertönt, wir fliegen gegen, nein, durch Materie hindurch. Wabbelige, etwas zähe, Materie. Etwa zwei Meter, dann schweben wir, nein, gleiten wir in eine andere Welt…

Die Landung ist sanft, nicht der Hauch von Turbulenzen. Dance ist ein guter Steuermann. Brennender Kopfschmerz bis zur Unerträglichkeit, Normalität, abrupt. Ich bin wieder ich, beherrsche meinen Körper. Über mir, viele hundert Meter entfernt ist die wabbelige Materie, diese Schutzschicht.

Sie ist überall am Himmel, sie schimmert, glitzert, hüllt alles ein. Das einfallende Licht bricht sich in ihr, ein faszinierender Anblick. Wie Unmengen von Gelee, das man gegen die Sonne hält. Umgeben vom scheinbaren Nichts, von Luft. Keine genauen Grenzen sind zu erkennen. Keine Trennlinie, die eindeutig im Stande ist festzulegen: Bis genau zu dieser Stelle und nicht weiter.

Eher sind grobe Richtungen vorgegeben, wie die sexuellen Vorlieben von gewissen Staatsdienern. Es sind kleine Auswölbungen und Einbuchtungen aber auch riesige kraterähnliche Flächen inmitten der Materie zu erkennen. Außerdem scheint sie an manchen Stellen etwas näher zum Boden zu sein als an anderen Stellen. Vereinzelt ist sie auch kaum zu lokalisieren, lediglich der Effekt des Schimmerns und Glitzerns lässt das Vorhandensein dieser wirklich irrational wirkenden Materie erahnen. Auch entfleucht sie teilweise tröpfchenweise ihrer relativ soliden Masse, wie einzelne riesengroße Tropfen, die von oben bis auf wenige Meter über dem Boden ragen. Der Anblick ist insgesamt wohl nichts für Perfektionisten.

Erst jetzt realisiere ich meine nähere Umgebung, ich stehe mitten auf einem riesigen beigen Flokatiteppich, welcher ursprünglich wohl einmal weiß gewesen sein muss, aber mit den Jahren total vergilbt ist. Überall um mich herum sind alte verschlissene Sofas und Sitzecken. Dem Stil nach zu Urteilen kommen sie nicht aus dem 21. Jahrhundert. Die Farbtöne braun, orange, gelb und grün dominieren. Das war eindeutig vor meiner Zeit.

Als Muster haben sie unter anderem Kreise, Streifen, Pünktchen, Blümchen oder geschlängelte Linien, welche liebevoll verschnörkelt sind.

Keine Ecken und Kanten finden sich in den Mustern wieder, eine Symbiose aus Harmonie und Unschuld in trauter Eintracht. Grässlich.

Wie viel Kitsch verträgt der Mensch? Eindeutig zu viel! Verdammte Scheiße, wo bin ich hier nur gelandet? Die Sterne sehen immer noch anders aus… Reiner an Kontrollstation…