Zwei

1. Fieser Horrortroll (den man köpfen soll)

Sie sagen: “Denk nach!” Wiederkehrende Stille, völlige Leere. Wieso fällt dir nichts ein? Du bist nicht dumm, verfügst über eine gute Auffassungsgabe. Ich hatte diesen Traum, diese Reise. Diesen Troll im Kopf. Auf Drogerieartikeln, halogenen  Substanzen. Nein, LED (kleine putzige Lämpchen, die stark leuchten).

Anfangs war es schön, so viele Farben. Die Gegenstände verändern sich, werden größer, realer, farbenfroher, bewegen sich. Man sucht förmlich nach der ultimativen Optik. Tanzen, laufen, schmatzen, essen und trinken, all dies wird zum Elysium:

Kontrollstation an Reiner… Kontrollstation an Reiner… Tausche nun halogene Substanz mit LED. Schnall dich gut an, auf der Sitzerhöhung ist noch was frei. Genieß die Reise (…)   

Doch plötzlich überkommt es einen: Zu viel! Kontrollverlust, Panik, pure Angst. Wie kann man es abschalten, minimieren, loswerden? Schweißausbrüche, die Haut fahl und weiß, Zittern am ganzen Körper. Die Erkenntnis: Überlebenskampf! Wie ein eingesperrtes Tier gehst du auf und ab. Instinktiv. Du denkst nach, probierst dich zu beherrschen. Im Fernsehen ein Fußballspiel, es läuft die 44. Minute. Warum ist die Glotze überhaupt an? Alle Lichter ausschalten, vielleicht wird‘ s besser. Nein, die Angst verstärkt sich. Wieder an, sofort anschalten: Verzerrende Optik, Farben, Glitzern, alles bewegt sich, scheiße, was soll ich nur tun?

 (…) Hier Reiner, an die Kontrollstation: Ich schreite jetzt durch die Türen. Schwebe nun, auf kosmische Art umher. Die Sterne schauen heute anders aus (…)

Trinken, Vitamine! Vorhandene Kiwis bestialisch häuten, knapp an der Fingerkuppe vorbei schnippeln, auslutschen und fressen. Noch eine, noch eine. Kämpf Junge, sei stark! Andere, vor dir, sind hängen geblieben, haben es nicht geschafft, wurden verrückt. Sind aus dem Fenster gesprungen. Horrortrolle kommen vor, besonders wenn man die Drogerieartikel unterschätzt, die Packungsbeilage nicht beachtet, sie alleine ausprobiert. Warum passiert es mir, wieso bleib ich kleben?

Eine Stimme, es ist meine, klingt nach Keiner, diesem Ken- Reiner- Psycho- Quacksalber:

Dies alles ist das Ergebnis von unzähligen Stunden, zerstückelter Gehirnschnipseleien, Selbsttherapie, einer therapeutischen Maßnahme im Stile einer selbst- auferlegten Auferlegung. Auch wenn im Verlaufe des geschriebenen Textes, der Eindruck entstehen könnte, es handele sich um eine groteske Geschichte voller Fantasterei. Dem ist nicht so, selbst wenn ich das widerlegen sollte. Oder während der Reise verloren gehe, was durchaus passieren kann, bei den Troll- Kriegen, die überall im Hirn wüten.”

Achtung, die Aufnahme könnte verstörend sein!

Verstörender Einwand der nachklingt, es hat mich längst erwischt, das LED scheint gut zu leuchten und dabei verbraucht es viel weniger Strom als herkömmliche Lampen:

Fußball im Fernsehen, es läuft die 44. Minute. Die Zeit vergeht nicht, ich bin in einer Schleife gefangen. Für Immer? Ich sehe schon die Pressemitteilung von Morgen. Ein kleiner Zweizeiler im Lokalteil im LDS, bei Berlin, ist mir gewidmet: Junger Familienvater, nennen wir ihn Reiner, stirbt nach totalitärem Drogerieartikelmissbrauch; Trolle nagen an seinen Ausgeburten, hinterlässt Frau und Kind.

Meine arme kleine Familie. Mein Sohn, verdammt ich habe Verantwortung, kämpfe Junge, kämpfe!

 (…) Nun bin ich Lichtjahre von zu Hause entfernt. Ich fühle mich verlassen. Alles leuchtet. Aber ich glaube zu wissen welchen Weg ich zu nehmen haben werde. Sagt meiner Familie, dass ich sie liebe. Sagt ihr, dass ich nur kurz am Kämpfen bin, auch wenn dies ein Troll ist und ich nie mehr der sein werde, welcher ich einmal zu sein scheinen konnte (…)

Das Wasser aus der Leitung scheint dunkel- dreckig, schmeckt fürchterlich. Ekel überkommt mich, trotzdem wird getrunken. Der Wille ist da. Pinkeln, du musst pinkeln, raus mit dem Mist, raus aus dem Organismus. Hose runter, Genitalien raus, es kommt nichts. Drücken, Schmerz, drücken. Verdammt, nicht in den Spiegel schauen, bloß nicht. Augen zu, schlafen, abwarten. Geht nicht, kann nicht. Es dreht sich, bewegt sich unaufhaltsam, selbst mit geschlossenen Augen. Alles ist so real und doch so unfassbar. Sterben, du wirst sterben. Elendig zu Grunde gehen. Bin ich noch hier? Bin ich noch ich, etwas stimmt nicht, oder doch? ERROR, ERROR, mein Verstand sendet eine Fehlermeldung. Das Protokoll dazu wird umgehend gedruckt:

(…) Kontrollstation an Reiner: Die Verbindung ist weg, da stimmt was nicht.Kannst du mich hören, Reiner? Hörst du mich? Die Sterne schauen heute anders aus (…)

“Denk nach!” Wiederkehrende Stille, völlige Leere. Wieso fällt dir nichts ein? Du bist nicht dumm, verfügst über eine gute Auffassungsgabe. Ich hatte diesen Traum, einen Alptraum. Völlig durcheinander. Die Erinnerungen sind verschwommen.

Es ging um mein Leben, meine Zukunft, um mich. Nichts wird so sein wie es war, alles hat sich verändert.

(…) Hier schwebe ich, im Kosmos. Weit weg vom Mond.  Der Planet scheint verstrahlt zu sein und ich kann nichts dagegen tun.