Zwölf

11. Mein Ich & ich, mein Sarkasmus, der nach billigem Komödianten stinkt, und die melancholische Erkenntnis eines Gescheiterten

“Mach das Beste daraus, mach es dir gemütlich”, scheint eine Stimme mir sagen zu wollen. Niemand spricht zu mir, ich spreche mit niemandem.

Allein zu sein hat auch was Gutes, man lernt sich selbst besser kennen, indem man Zeit mit sich verbringt, verbringen muss. Zeit, die nicht zu vergehen scheint. Zeit, die anscheinend niemand hat, niemand mit sich selbst verschwenden will.

Man selbst ist halt auch nicht der beste Umgang, ist man ehrlich zu sich selbst.

Menschen brauchen Gesellschaft, die meisten jedenfalls. Es gibt Ausnahmen, wie fast überall. Eigentlich bin ich gern allein, jetzt aber nicht, hier nicht. Ich muss erstmal die Realität vollständig verdrängen und  abhängen.

Vielleicht habe ich auch Angst mich kennenzulernen. Ich weiß nicht, was mich erwarten würde, weiß nicht wirklich, wer ich bin. Das ist wohl mein grundlegendes Problem. Wer kann mir darauf eine Antwort geben? Nur ich allein, im Beisein meines Ich’s.

Mein Ich kommt, wie vor wenigen Minuten ich selbst, hinter der orangefarbenen mit braunen Punkten verzierten Eck-/ Geschäftsbank hervor.

Ich habe mich seit des letzten Aufeinandertreffens äußerlich nicht verändert. Die gleichen ausdruckslosen Augen, der klotzig wirkende Kopf, die weiße, unreine Haut, der untrainierte Körper und die kralligen Fußnägel. Ein wenig Kot an der linken Wange ist dafür ausschlaggebend, dass ich über mich selbst schmunzeln muss (typisch, dieser Spast).

Dies lasse ich mir aber nicht anmerken. Von vornherein probiere ich jeglichen Konflikt im Keim zu ersticken: “Frieden!”

Mein Ich reagiert nicht auf mein Friedensangebot. Nochmals setze ich auf eine versöhnliche, friedliche Variante des Miteinanders und probiere den Disput somit prophylaktisch sowie kategorisch abzuwenden. Man bin ich gebildet. Mindestens oberes Unterschichtsniveau. Oder unteres Mittelschichtsniveau:

Frieden Alter, alles klar bei Dir?

Die Mittelschicht stirbt aus, komischer Weise werden dagegen keine Präventionen ergriffen. Es gibt keinen Masterplan, um das Bestehen der Mittelschicht zu sichern. Auch dürfen die wenigen noch vorhandenen Mittelschichtler willkürlich belangt werden. Ihre Zugehörigkeit wird in Frage gestellt, ihnen werden Steine in den Weg geräumt, sie müssen ums Überleben kämpfen. Was reimt sich auf Mittelschicht? Arschgesicht!

Ich denke ein Zuchtprogramm wie es in Zoologischen Gärten praktiziert wird, würde das Aussterben verhindern und den Bestand sichern.

Dazu müsste man nur erstmal genügend potentiell potente Mittelschichtler jagen, mit Betäubungspfeilen zur Vernunft bringen und in Käfige pferchen. Eine Kombination aus Kraftfutter, Vitaminen und genügend Auslauf, sowie Beschäftigungsangeboten ist dringend anzuraten, sollte der Bestand in Zukunft fortbestehen.

Der Kontakt und somit das Vertrauensverhältnis zum Pfleger ist immens wichtig.

Auch sollte das Pflegepersonal aus der Oberschicht kommen und wegen des Aspektes der dringlichen Wichtigkeit, königlich entlohnt werden, trotz niederer Arbeit im sozial- pflegerischen Bereich. Die Unterschicht könnte ja unterstützend unentgeltlich Hilfeleistung bieten.

Irgendwer muss ja die Drecksarbeit machen, nur vorübergehend, karitativ. Bis die Spezies sich einigermaßen erholt hat und die Elite sich wieder den höheren Aufgaben, für die sie bestimmt ist, widmen kann.

Versteht sich doch von selbst. Wir sind das Volk! Nun endlich beginnt mein Gegenüber zu sprechen: “Peace!“

Die Stimme ist klar und verständlich, sie klingt nach mir. Auch der Rhythmus, mit der die eher peinlichen Reime, während unseres ersten Aufeinandertreffens wiedergegeben wurden, ist glücklicherweise ad acta gelegt worden.

Eine neue Akte wird angelegt, wir beginnen von Null. Die Alte wird noch fünfzehn Jahre aufbewahrt, man kann ja nie wissen, danach standesgemäß geschreddert. Lang lebe mein Vaterland, lang lebe der Schriftverkehr, die Bürokratie. Alles hat seine Ordnung, sein Aktenzeichen. Nichts wird dem Schicksal überlassen, es gibt Regeln und Gesetze.

Man muss sie befolgen, dokumentieren und verwalten, möchte man keinen Unmut auf sich ziehen.

Ich war schon immer der geborene Bürokrat, stellte stets fristgerechte Anträge über geltende Ansprüche auf die ich, juristisch gesehen, keinen Anspruch hatte. Widersprüche jeglicher Art waren mein Hobby. Es kam auch schon vor, dass ich inmitten des bürokratischen Irrsinns, durchblickte.

Mir über meine Rechte im Klaren war, den Behörden sogar einen Schritt voraus eilte, um am Ende vom bürokratischen Apparat überrollt zu werden.

Das war eine glückliche Zeit, niemals wieder schenkte man mir solch eine Aufmerksamkeit. Ja widmete mir gar einen ganzen Sachbearbeiter, dieser kannte am Ende sogar meinen Namen und wir hatten ständigen Schriftverkehr miteinander.

Zwischenmenschliche Beziehungen und die Bürokratie funktionieren ähnlich, auch wenn bei den Mitteilungsformen jeweils andere Prioritäten gesetzt werden. Versprechungen musst du nicht zwingend schriftlich aufsetzen, mit Betreff, Datum und Unterschrift, obwohl dies vielleicht nicht unbedingt schlecht wäre.

In den Köpfen herrscht allgemeiner Kontrollwahn, hervorgerufen durch fehlendes Vertrauen in X als Variable. Ordnung ist der Soll- Zustand. Er kann durch die Exekutive: Regeleinhaltung sowie Kontrollausübung, die unter anderem Datenspeicherung und Aufbewahrung beinhaltet, erreicht werden. Herrscht Unordnung im Kopf, ist dies der erste Schritt aus dem Kreis.

Dem Kreis der Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die von funktionierenden Mitgliedern ausgeht. Nicht mit Defekten umgehen kann, sie am liebsten austauschen würde und darum probiert sie wegzusperren. Zu isolieren.

Im Gegensatz zu dem altersbedingten Ballast, dem Überbleibsel aus längst verdrängter Vergangenheit, welches aufgrund von früheren Verdiensten oder Missetaten, zusammengepfercht in so geschimpften karitativen Einrichtungen, wenigstens größtenteils noch die notwendige pflegerische Versorgungen erhält.

Manchmal wird sich, wenn das Klientel satt und sauber ist, sogar noch mit ihnen auseinander gesetzt. Hochbegabten Hochbetagten ist dies zu wenig, sie fordern Zuwendung, Anerkennung, staatlichen Aderlass.

Dem Defekten im besten Alter bleibt jedoch nur die Wiedereingliederung in den Kreis oder wenigstens an den Rand davon. Alle wollen teilhaben, viele wollen zu viel. Die im Mittelpunkt stehen, wollen stehen bleiben. Die die weit weg davon sind, finden keinen Weg zurück.

Menschen, die etwas ändern wollten, Prinzipien hatten, denken letztlich, sobald Macht im Spiel ist, nur an das eigene Wohl. Ausnahmen gibt es fast überall, nur viel zu wenig.

Wer scheitert muss sich aufrappeln, wer resigniert, verliert. Wer defekt ist muss repariert werden oder als wandelndes Wrack umherziehen, mit der ständigen Angst im Hinterkopf jederzeit liegenbleiben zu können. Es reicht einfach nicht, ein paar Schrauben festzuziehen.

Wann ist man defekt? Wenn man bestimmte Dinge hinterfragt? Wenn man das bürokratische System mit Füßen tritt, keine Steuern zahlen will, nicht seinen Beitrag leistet? Nicht realisierbare Idealvorstellungen hat, trotzdem probiert im Strudel, der über materielle Werte bestimmten Klassengesellschaft mitzuschwimmen, sich knapp über Wasser hält? Gerne aussteigen würde, absetzen vom Staatsross, aus Feigheit? Ja, ich bin ein Feigling. Das ist fast das Einzige, was ich ganz gewiss über mich sagen kann. Ändern wird sich so nichts. Andere müssen kämpfen, ich bin kein Kämpfer.

Ich bin leider nicht der Typ, der das Wort ergreift, es zu einer Waffe formt und in das Herz des Übels rammt, mitten in die Fressen der Unverbesserlichen. Den Nutten des Systems.

Ich müsste meine klaren Gedanken einmal aufschreiben, um ihnen nicht immer hinterher zu trauern, ohne mehr genau zu Wissen, was diese Gedanken überhaupt beinhalteten. Im Grunde bin ich ein typisches Verdrängungskind. Unzufriedenheit wird nicht im Kern bekämpft durch Ursachenforschung, Reflexion und harter Arbeit an sich selbst, sondern standesgemäß verdrängt, oft mit Hilfe körpereigener chemischer Reaktionen, die durch die Einnahme von gewissen (illegalen) Substanzen hervorgerufen werden können.

Dies gelingt nur teilweise, oft wird man eingeholt, es flasht einen, das Gehirn wird im wahrsten Sinne vergewaltigt. Die größte Unzufriedenheit, ist die Unzufriedenheit über sich selbst. Das gleicht einer Massenvergewaltigung der Synapsen. Meist probiert man durch andere, offensichtliche Benachteiligungen und Schikanen davon abzulenken, im Grunde  macht man aber nur anderen etwas vor, sich selbst nicht.

Das ist die Erkenntnis, diese gilt es zu verdrängen. Irgendwann ist man Spezialist seiner Zunft, die der Verdränger. Dann verdrängt man sogar, dass man verdrängt, kann aber letztlich diese ganz tief im Innern sitzende Unruhe nicht verdrängen. Nur Rauschweise. In klaren Momenten wie diesem, frag ich mich: Wer bin ich und warum bin ich wie ich bin? Bin ich wie ich bin oder mache ich mir nur etwas vor? Bin ich Schuld daran, wie ich bin und wie ich geworden bin? War ich mal anders, hab ich mich verändert? Bin ich liebenswert? Liebe ich mich selbst?   

Diese Aufnahme zeigt wie zuckersüß und lieblich die Welt doch sein kann. Ich kämpfe jedesmal mit den Tränen, wenn ich die zwei Muschiköpfe sehe. Ganz, ganz großes Kino!

Also ich Liebe dich, also mich, beziehungsweise dich und bewundere dich aus einem simplen, aber oft unterschätzten Grund: Du denkst nach, hinterfragst dich, bist kritisch, auch und vor allem dir selbst gegenüber, auch wenn du damit automatisch mich kritisierst. Ich liebe dich, darum bist du liebenswert und weil ich du bin, liebst du dich auch selbst.

Mein Ich baut mich emotional auf, genau so muss das sein.

“Warum hast du das letzte Mal so merkwürdige Dinge von dir gegeben und deine Stimme klang ganz anders?”, frage ich mich ganz kess.

“Es ist unangenehm, aber gut das du mich darauf ansprichst, ich werde ehrlich zu dir sein. Wäre ja auch quatsch, mich selbst zu belügen: Ich habe ein nicht ganz so klitzekleines Problem mit dem Konsum von Drogerieartikeln“, gibt mein Ich aufrichtig zu und ergänzt:

Drogerieartikel verändern einen, sogar die Wahrnehmung der Stimme.

“Tja mein Guter, dann solltest du wohl die Finger davon lassen“, erwidere ich altklug und muss aufgrund eines inneren Drucks, den ich nicht weiter erläutern möchte, hinzufügen: “Sex mit Plastikbällen ist subtil!”

“Ich weiß, du weißt, wir wissen es!”

Empört über soviel Gemeinsamkeiten und dem Gefühl gerade deshalb einen Fremden vor sich zu haben, der verschwörerisch heuchelt, einen nur in allem bestätigt, das wiedergibt was man hören möchte, werde ich konkret:

Wer verdammt bist du eigentlich, also wer bin ich, mein ich. Du als mein ich, weißt dies wohl am besten, würde ich meinen. Also wenn ich du wäre, also mein Ich, ich würde dies mir, also mir, gewiss sagen können, oder nicht? 

“Du willst also wissen, wer du bist? Wer ich bin. Ich bin du und du bist ich. Alles, was ich jetzt sage, muss nicht vorher zwingend objektiv betrachtet worden sein. Ich bin quasi befangen, ja persönlich betroffen, versteht sich. Also du bist nicht auf den Kopf gefallen, bist tiefgründig. Verfügst über eine gute Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Du besitzt soziale Kompetenzen, hast eine Meinung, äußerst diese nur zu selten. Du kannst geduldig sein, Dinge zu Ende zu bringen ist trotzdem nicht deine Stärke. Bei zuviel Stress schaltest du ab, wirst krank. Du kannst schlecht nein sagen, willst es allen recht machen. Du bist verdammt harmoniebedürftig. Kontakte zum sozialen Umfeld pflegst du eher schlecht als recht, geht es dir schlecht, lässt du es aber dein Umfeld wissen und spüren. Du besitzt Humor, kaum einer versteht ihn. Du hast einen Hang zum Extremen, vor allem in deinem Konsum, weißt nicht, wann Schluss ist. Schließe jetzt deine Augen, ich werde dich jetzt auf eine Reise begleiten, eine Reise in deinen Kopf, vertrau mir.” 

Mir wird mulmig, befinde ich mich nicht schon die ganze Geschichte über mehr oder weniger auf einer Reise in meinem Kopf? Bin ich verrückt? Logik ist anders. Ich führe die ganze Zeit über einen Dialog, müsste aber einen Monolog führen.

Bin ich schizophren? [schi·zo’phren] 1. (med.) an → Schizophrenie leidend, spaltungsirre 2. widersprüchlich, zwiespältig, absurd.

Oder einfach nur voll bescheuert? [be·scheu·ert] Adj; gespr!; 1. dumm, nicht sehr intelligent 2. unerfreulich <ein Vorfall, e-e Situation>.

Egal, ich schließe die Augen.